Schlussstrich unter die Schweinegrippe-Hysterie
In Deutschland werden derzeit 16 Millionen Impfdosen aus der Schweinegrippe-Ära verbrannt. Zu den enormen Kosten kommen damit noch die Entsorgungskosten hinzu. Dabei war die Hysterie um Vogel- und Schweinegrippe eigentlich die Chuzpe des Jahrhunderts, bei der sich die WHO als Welt-Hysterie-Organisation am Gängelband der Pharma-Industrie betätigte.
Der Impfstoff sollte Leben retten – Leben, das allerdings gar nicht in Gefahr war. „Gerettet“ hat er nur die Bilanz der beteiligten Pharma-Firmen. Aus purer Angst vor dem Mythos der Schweinegrippe hatten die Bundesländer 2009 insgesamt 34 Millionen Impfstoff-Dosen gekauft. Die Krankenkassen zahlten nur für Dosen, die auch genutzt wurden, was ja verständlich ist. 28,7 Millionen Impf-Dosen blieben ungenutzt – was auch mehr als verständlich ist. Wie konnte es zu einer derart eklatanten Fehleinschätzung kommen?
Die WHO als „Welt-Hysterie-Organisation“
Im April 2009 warnte die WHO vor einer Schweinegrippe-Pandemie, was eine gigantische Impfkampagne auslöste. Die Seuche war allerdings harmloser als die normale Grippewelle. Weltweit starben 16.500 Menschen, und damit weit weniger als an der üblichen saisonalen Grippe. Erst im Sommer 2010 erklärte die WHO die Pandemie für beendet.
1. Der erste Fehler lag in der Definition: Dass eine Pandemie auch milde verlaufen kann, wurde nämlich bis dahin nicht realisiert. Für die WHO ist auch ein neues Schnupfenvirus, das sich über den Erdball ausbreitet, eine Pandemie, die auf nationaler Ebene den bekannten Katastrophen-Automatismus auslöst. Daher fragte Richard Schabas, der ehemalige Gesundheitschef von Ontario, und das schon im Mai 2009: "Was ist, wenn wir eine Pandemie ausrufen, und keiner wird krank?" Ein Monat später äußerte derselbe: "Manchmal denken einige von uns, WHO steht für Welt-Hysterie-Organisation“. Zu einer Zeit, als dutzende Staaten bereits davor warnten, Pandemien automatisch als gefährlich einzustufen, (weil sich die Harmlosigkeit des Virus bereits abzeichnete), wurde von der WHO die Pandemie-Stufe 6 ausgerufen.
2. Da wir zwar eine Medizinethik, aber keine Medienethik haben, stürzten sich die Medien auf die „bad news“ und lieferten täglich die wildesten Schlagzeilen, meist bezahlt von der Pharma-Industrie. So mussten Politiker und Öffentlichkeit den Eindruck bekommen, dass es mit Sicherheit sehr gefährlich werden wird. Angst zu schüren ist ja das Geschäft bestimmter Medien. Bekanntlich neigen Medien dazu, lieber eine Extremmeinung zu zitieren als realistischere Fachleute, die nicht an die große Gefahr glauben.
3. Das nächste Problem sind gekaufte „Experten“. Der „Schweinegrippe-Professor“ zum Beispiel, der in der Bild-Zeitung vor tausenden Toten in Deutschland gewarnt hatte, stand im Sold von Pharma-Firmen. Neben der „Bild“-Schlagzeile prangte ein Inserat des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller. Aber das fällt ja niemandem gleich auf. Im Sold einer Pharma-Firma stand auch ein wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung, der die Schweinegrippe schon am 1. Mai zur Pandemie erklärt hatte. Die obersten Seuchenwächter in Deutschland, das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Paul-Ehrlich-Institut übten sich ebenfalls in Panikmache, statt diese zu verhindern, was ihre Pflicht gewesen wäre.
Einer, der nicht an der Hysterie verdiente, Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, erklärte im Oktober 2009: "Die Gesundheitsbehörden sind auf eine Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen, die mit einer vermeintlichen Bedrohung schlichtweg Geld verdienen wollten."
4. Die Pharmaindustrie schürt natürlich im eigenen Interesse die Angst vor der Pandemie. So finanzieren die Grippemittel- und Impfstoffhersteller einen eigenen Wissenschaftlerverband, die European Scientific Working Group on Influenza. Der Leiter dieser Lobbyvereinigung ist zufällig auch einer der einflussreichsten WHO-Berater zum Thema Grippe-Impfung. Die Pharmaindustrie hat einen guten Draht zur WHO und ein überragendes Interesse daran, dass möglichst schnell Phase 6 ausgerufen wird. Viele Verträge mit den einzelnen Staaten sind nämlich längst abgeschlossen und treten mit Ausruf der Phase 6 automatisch in Kraft.
5. Womit wir bei den Politikern wären. Die stehen natürlich unter dem Druck der Industrie, der „Experten“, der Medien und der Wähler. Also besteht „Handlungsbedarf“. In Deutschland wollte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sicherstellen, dass jeder, der sich impfen lassen will, das auch kann. Die Länder wurden quasi gezwungen, Impfstoff zu kaufen, obwohl sie wussten, dass sich kaum jemand impfen lassen will. Verstärkt wurde das Theater in Deutschland, weil schon seit 2007 Verträge über einen bestimmten Impfstoff bestanden, der – wie sich jetzt herausstellte – einen neuartigen Wirkverstärker enthielt, der zusammen mit dem Schweinegrippe-Antigen noch nie in größerem Umfang an Menschen getestet worden ist. Was einer Massenimpfung mit einem kaum erprobten Impfstoff gleichkam, ausgelöst durch die voreilige Ausrufung der Pandemie-Phase 6, und zusätzlich für Aufregung sorgte.
So manche Politiker gaben zwar zu, dass das Wundermittel nicht allzu viel hilft, aber irgendwas müssten sie der Bevölkerung ja geben. Sozusagen (teure) Beruhigungspillen. Wenigstens eine verbale Kritik kam z.B. vom deutschen Abgeordneten Wolfgang Wodarg, der im Europarat in Straßburg kritisierte, dass weltweit "Millionen Menschen ohne einen guten Grund geimpft" wurden.
Einzige wirkliche Ausnahme und Vorbild für die Gesundheitsminister in aller Welt ist Ewa Kopacz, die polnische Gesundheitsministerin. Sie ist Ärztin, Mitglied der liberalen Bürgerplattform mit dem Ruf, keinem Streit aus dem Weg zu gehen. Sie stellte sich als einzige gegen den Rest Europas. "Als Ärztin ist mein oberster Grundsatz, niemandem zu schaden", sagte sie, und weigerte sich standhaft, Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu kaufen. Den Volksvertretern mit anderer Meinung hielt sie entgegen: "Ist es meine Pflicht, Verträge zu unterschreiben, die im Interesse der Polen liegen oder im Interesse der Pharmakonzerne?" Die Bilanz gibt ihr Recht: Auch in Polen sind mit und 170 Menschen weitaus weniger an der Schweinegrippe gestorben, als an der üblichen saisonale Grippe.
Die Chuzpe des Jahrhunderts
Die Harmlosigkeit der Schweinegrippe zeichnete sich bereits am Anfang ab. Im mexikanischen Dorf La Gloria hat der fünfjährige Edgar offenbar Grippe. Doch nach nur vier Tagen ist seine Krankheit ebenso plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war. In La Gloria redet niemand mehr darüber.
Die Hysterie beginnt erst, als ein Labor in Kanada einen Schleimhautabstrich des Jungen untersucht und einen neuartigen Erreger identifiziert – den Schweinegrippe-Virus. Dessen Harmlosigkeit interessiert niemanden. Das alles wäre keine Schlagzeile wert, gäbe es nicht die Impfstoffindustrie.
Am 27. April 2009 ruft die WHO Pandemie-Warnstufe 4 aus, zwei Tage später Stufe 5. Ab 30. April werden in Ägypten alle verfügbaren Hausschweine des Landes umgebracht. In Mexiko werden die Fußballspiele ohne Zuschauer abgewickelt. Und im saarländischen Landtag wird ein Verbot von Begrüßungsküsschen erlassen. Da soll noch jemand sagen, die Deutschen hätten keinen Sinn für Humor.
Am 10. Juni meldet die WHO 141 Schweinegrippe-Todesopfer. Dass die Mehrzahl von ihnen schwere Vorerkrankungen hatte, hätte zu bedenken geben sollen – hat aber nicht. Auch dass die meisten Infektionen mild verlaufen. Ein betroffener Patient berichtet "Mein Hauptproblem war, wer einkaufen geht." Die WHO berät inzwischen, ob sie Stufe 6 der Seuche ausrufen soll. Drei Wochen bevor die Schweinegrippe tatsächlich zur Pandemie erklärt wird, treffen sich in der WHO-Zentrale 30 hochrangige Vertreter von Pharmakonzernen. Offizielles Thema ist die Sicherstellung der Versorgung der Entwicklungsländer mit Pandemie-Impfstoff. Die eigentliche Schlüsselfrage ist aber die Entscheidung für Phase 6. Denn diese ist wie ein Schalter, der die Kassen der Industrie automatisch klingeln lässt. Wie bereits erwähnt: Viele Verträge sind längst geschlossen. Die Hersteller verlangen nun von den Politikern, die vertraglichen Bestellungen unverzüglich zu bestätigen.
Im August 2009 der endgültige Beweis: Die australische Grippesaison ist zu Ende. Obwohl noch kein Impfstoff existiert, sind dort nur 190 Menschen gestorben. Das ist deutlich weniger als in einer normalen Grippesaison. Der Schweinegrippe-Virus hat somit hunderten Menschen das Leben gerettet. Trotzdem dreht sich das einmal in Gang gesetzte Karussell aus Medien, Pharmaindustrie und Politik munter weiter. Sogar neue Studien, die darauf hinweisen, dass auch eine Einmalimpfung auszureichen scheint, werden ignoriert.
Nur in der Bevölkerung will sich kaum jemand mehr impfen lassen. Was zeigt, dass man doch nicht alle für dumm verkaufen kann. Der auch noch nachbestellte Impfstoff, den niemand braucht, liegt auf Halde.
Als Anfang Dezember 2009 auf Englands vereisten Straßen das Streugut knapp wird, schlägt ein Labour-Abgeordneter vor, die staatlichen Tamiflu-Vorräte zum Streuen zu verwenden. Zu etwas wären sie also doch zu gebrauchen gewesen.
Warnungen vor neuen Grippe-Wellen klingen auch 2010 nicht ab – vergebliches Marketing für die Pharmafirmen.
Auf dem Dorfplatz von La Gloria in Mexiko, das uns die Hysterie beschert hat, ist inzwischen eine 1,30 Meter große Bronzestatue von Edgar Hernández zu bewundern, dem Jungen, der die Schweinegrippe besiegte.
Die noch größere Chuzpe des Jahrhunderts
Übertroffen wird dieses Weihnachtsmärchen nur noch davon, dass das Wundermittel gegen die nicht existierende Gefahr noch dazu selber nahezu wirkungslos ist. Wie sich bei Nachprüfung der Studien zum Grippe-Impfstoff Tamiflu, der schon gegen die Vogelgrippe (kaum) eingesetzt wurde, herausstellte, gibt es keinen Beweis dafür, dass das Wundermittel schwere Komplikationen verhindern kann. Der Krankheitsverlauf wird allenfalls um einen Tag verkürzt. Ein für das Gesundheitssystem enorm teurer Tag.
Das haben aber Experten anscheinend schon zu Zeiten der Vogelgrippe-Hysterie gewusst. Der Autor dieser Zeilen musste damals für ein Ärztemagazin zwei Artikel über Vogelgrippe und Tamiflu verfassen, weil vom Hersteller bezahlt – wie damals anscheinend die meisten „Fach“-Artikel in Österreich bezahlt waren. Einzige Notwehrmaßnahme war, als Interview-Partner einen Experten zu wählen, der bekannt dafür ist, dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Seine Bewertung sinngemäß: Das Medikament hat kaum eine Wirkung, die Nebenwirkungen hauen einen Ochsen um, und im Ernstfall hilft sowieso nur Quarantäne! Die Firma hat dann die Originalzitate bis auf einen harmlosen Nebensatz herausgestrichen – sie hat ja für den Artikel bezahlt.
Damals hätte noch niemand geglaubt, dass sich diese Chuzpe mit der Vogelgrippe noch einmal – diesmal mit der Schweinegrippe – wiederholen lässt. Aber wie heißt es doch: Alles ist möglich!
Quelle: spiegel.de
Foto: Günter Havlena, pixelio.de
Write a Comment
Write an Article Response
Comments & Answers
2 Comments
Lisa Wilders [◘ 12]
Studying International Development at Duke University, Durham NC, USA.
Matthias Fuchs [◘ 131]
studiert Journalismus