Der Pionier
Am 12. April 1961 wurde Leutnant Juri Gagarin an Bord der Raumkapsel Wostok-1 als erster Mensch überhaupt in den Weltraum geschossen. Mit dieser Heldentat hat sich Juri Gagarin wohl für alle Zeiten einen Platz in den Geschichtsbüchern und den Herzen der Technik- und Sowjet-Nostalgiker verdient.
Damals, als der Kalte Krieg gerade auf einen neuen Höhepunkt zusteuerte, versetzte die UdSSR mit diesem Erfolg der Wostok-Mission der konkurrierenden Supermacht USA den zweiten gewaltigen Dämpfer. Denn bereits vier Jahre zuvor hatten die Sowjets mit der erfolgreichen Sputnik-Mission, bei der erstmals ein unbemannter Satellit in die Erdumlaufbahn geschossen wurde, ein eindrucksvolles Zeugnis der Kunst ihrer Ingenieure abgelegt. Diese beiden Pionierleistungen sollten später Kennedy dazu veranlassen, alles Menschenmögliche in Bewegung zu setzen um diesen technischen Rückstand aufzuholen und auf jeden Fall vor den Sowjets auf dem Mond zu sein.
Beinahe allein verantwortlich für die Erfolge der sowjetischen Raumfahrt war der geniale Konstrukteur Sergej Koroljew. Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Konkurrenten rund um Wernher von Braun hatte Koroljew weder ein großes Team noch Computer zur Verfügung; er erhielt auch keine besondere Unterstützung von der Regierung sondern kämpfte vielmehr mit mannigfaltigen Problemen sowohl technischer als auch politischer Natur. Darüber hinaus machte ihm seit seine Gesundheit schwer zu schaffen, seit er unter Stalin für einige Jahre in einem Gulag interniert gewesen war.
Auch der Erfolg der Wostok-Mission war von vornherein alles andere als sicher gewesen: Vor dem Start Gagarins waren mehrere Versuche mit unbemannten Kapseln auf dramatische Art gescheitert. Mehrere der getesteten Trägerraketen waren in schöner Regelmäßigkeit entweder direkt beim Start oder während des Abhebens explodiert.
Am besten in Erinnerung blieb dabei bis heute die sogenannte „Nedelin-Katastrophe“ vom 24. Oktober 1960, als eine R-16 Trägerrakete beim Start in Baikonur außer Kontrolle geriet. Bei der Explosion der mit124 Tonnen hochexplosivem Treibstoff beladenen Rakete waren 120 Menschen ums Leben gekommen und sämtliche Startrampen komplett zerstört worden.
Doch obwohl die letzten vier Startversuche davor alle mit Explosionen und gewaltigen Feuersbrünsten geendet hatten, trat Gagarin am 12. April 1961 zu der Mission an, die ihn für alle Zeiten zur Legende werden ließ.
Juri Gagarin, geboren am 9. März 1934, war aus 20 möglichen Kandidaten vor allem wegen seiner ruhigen und bedachten Art für diese Mission ausgewählt worden. Seine Person stellte die bestmögliche Kombination aus konstant hervorragenden fliegerischen Leistungen, körperlicher Belastbarkeit und propagandistischer Verwertbarkeit dar.
Für den Dokumentarfilm „The Rise and Fall of the Soviet Space Program“ (Der Aufstieg und Fall des sowjetischen Weltraumprogramms, 1997) wurden erstmals bis dahin geheim gehaltene Film- und Tonaufnahmen seines Höllenritts veröffentlicht.
Besonders beeindruckend ist der Mitschnitt der Tonaufnahmen aus dem Cockpit: Gagarin beginnt während des Aufstiegs der Rakete, über das infernalische Brüllen der Triebwerke hinweg, leise die sowjetische Nationalhymne zu singen um sich selber Mut zu machen. Bei jedem Absprengen einer neuen Raketenstufe kann man deutlich hören, wie ihm die Stimme stockt - der gewaltige Anpressdruck muß ihn wie die Faust eines Titanen in seine Druckliege gepresst haben.
Sein Ritt auf der Kanonenkugel, wie es ihm wohl vorgekommen sein muss, dauerte lediglich 108 Minuten. In dieser Zeit umrundete er die Erde gerade etwas mehr als ein Mal; legendär auch sein Funkspruch, als er die Wostok-Kapsel auf Erdumlaufbahn eingeschwenkt hatte: „Ich sehe die Erde! Ich sehe die Wolken! Es ist bewundernswert, was für eine Schönheit!“
Nach seiner Landung im Wolga-Gebiet flüchteten einige Nomaden in Panik vor ihm, da sie den Mann im orangen Overall, der in einer metallenen Kapsel vom Himmel gefallen war, für einen Außerirdischen hielten.
Seinen wohlverdienten Ruhm lange zu genießen war Gagarin indes nicht beschieden: Aufgrund seiner Weltraummission war er Jahre zuvor aus dem Ausbildungsprogramm für Militärpiloten herausgenommen worden und hatte diese nie abgeschlossen. Als er den praktischen Teil seiner Ausbildung zum Kampfpiloten nachholen wollte, verunglückte er am 27. März 1968 im Cockpit einer MIG-15 tödlich, im Alter von nur 34 Jahren.
Seine Pionierleistung und der außergewöhnliche Mut des Juri Gagarin werden jedoch unvergessen bleiben.


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