Die Götter der Neuzeit
Seit Beginn der sogenannten Finanzkrise 2008 ist kein Tag mehr vergangen, an dem nicht in irgendeiner Form die Rede von „den Märkten“, „den Banken“, „der Wirtschaft“, „den Börsen“ oder ähnlichen abstrakten Begriffen gewesen wäre. Zum Teil kommen bei der Berichterstattung abenteuerliche Wortkonstruktionen zum Einsatz, wie etwa:“Die Börse reagiert verschnupft“, „Die Märkte erholen sich nur schwer“, „Die Banken hoffen auf schnelle Hilfe “ oder „die Wirtschaft leidet“.
Erstaunt stellt man fest: Die Börse kann also Schnupfen kriegen, aha. Hier erfolgt quasi eine Vermenschlichung der einzelnen Teile eines Systems, in etwa auf die Art wie die Menschen der Antike ihren Göttern menschliche Eigenschaften zuzuschreiben pflegten. Göttervater Zeus zum Beispiel war als geiler Bock bekannt, der sich auch schon mal in einen Stier verwandelte, um sich einer schüchternen Jungfrau zu nähern.
„Die Märkte“ hingegen sind da schon etwas kapriziöser. Vorbild für „die Märkte“ in ihrer heutigen Form könnte etwa Hera gewesen sein, die von Rachegelüsten und Eifersucht getrieben so manchem das Leben schwer machte. Wenn am den Märkten "Aufbruchsstimmung" herrscht, dann sind "die Märkte zufrieden". Sie können dann schon mal "in Feierlaune sein" und schütten das Füllhorn der Dividenden über ihren Partizipienten aus. Genauso schnell können die Märkte jedoch in eine Schreckstarre oder gar in Panik verfallen. Wenn das passiert, gehen sie danach meist „auf Talfahrt“ und müssen mit Finanzspritzen "wiederbelebt" werden. Das haben sie übrigens mit „den Banken“ gemeinsam, die sich auch gerne mit Finanzspritzen behandeln lassen – in letzter Zeit so oft, dass man dahinter schon eine gewisse Junkie-Mentalität vermuten könnte, gewissermaßen eine Nadelgeilheit. Jedenfalls, nach einer solchen Finanzspritzen-Kur lautet die Schlagzeile dann in etwa:“Die Märkte schöpfen wieder Hoffnung“ oder „Die Banken erholen sich langsam wieder“. In den Banken kann man vielleicht am ehesten den Ares wiedererkennen, den Gott des Krieges und des Gemetzels, dem nur Blutvergießen und Gewalt Freude zu bereiten vermochten – anders ist der eiserne Würgegriff, in dem „Die Banken“ schön langsam Milliarden einst freier Menschen langsam ersticken lassen, kaum zu erklären.
Am wankelmütigsten scheinen jedoch „die Börsen“: Diese weisen fast die klinischen Eigenschaften eines Manisch-Depressiven auf. Wenn „die Kurse nach oben zeigen“ und sie „stark zulegen“, dann freuen sich die Börsen (was eigentlich ein Paradoxon ist, denn sonst freut sich ja wohl niemand, wenn er stark zulegt) und es „herrscht Jubelstimmung“. Wenn jedoch die Börsen „mit einem kräftigen Minus schließen“ dann brechen sie dramatisch ein und es macht sich ganz schnell Weltuntergangsstimmung breit. Da die Börsen in einem abgeschotteten Bereich agieren, losgelöst von jeder demokratischen Kontrolle und erst recht von jeder Art von Vernunft, muss man sie wohl mit Hades, dem Gott der Unterwelt vergleichen - denn auch ihm konnte kein Mensch entkommen. Auch der Raub der Persephone kann als Sinnbild gesehen werden: Sie wurde von Hades in die Unterwelt entführt, und weil sie dort vier Granatapfelkerne aß durfte sie, trotz Intervention von Göttervater Zeus persönlich, nicht mehr ganz in die Welt der Lebenden zurückkehren – für die vier gegessenen Kerne musste sie fortan jedes Jahr vier Monate in der Unterwelt verbringen. Das erinnert fatal an die heutige Praxis an den Börsen, denn wenn man sich einmal auf das Spiel mit dieser Unterwelt eingelassen hat, kommt man auch so leicht nicht wieder heraus.Genau wie im alten Olymp alle Götter und ihre unterschiedlichen Interessen irgendwie miteinander und ineinander verstrickt waren, so bilden auch Märkte, Börse etc. heutzutage ein kompliziert verflochtenes Konstrukt, welches der Einzelne kaum noch zu durchschauen vermag. Doch damals wie heute gibt es Auguren und Hohepriester, ganz wenige Auserwählte, die den Willen der Götter deuten oder gar mit ihnen kommunizieren können; damals wie heute führten diese wenigen ein sorgloses Leben, losgelöst von den Ängsten und Nöten der breiten Masse der Bevölkerung, von der sie sogar noch hofiert und bejubelt werden ob ihres angeblichen Naheverhältnisses zu den Göttern.
Bleibt nur noch die Frage, wie es denn mit der Zukunft dieser modernen Götzen und ihrer Hohepriester aussieht. Die Menschen der Antike brauchten ihre Götter, um gewisse Phänomene zu deuten, die man damals noch nicht rational erklären konnte. Heute wissen wir, dass ein Blitz eine gewaltige elektrische Entladung ist, die durch atmosphärische Spannungen hervorgerufen wird, also brauchen wir keinen Zeus mehr, der im Zorn wie ein Irrer mit Blitzen um sich schleudert.Heute stehen der Menschheit auch längst verschiedene Lösungsansätze für die Probleme zur Verfügung, welche die Götzen des 21. Jahrhunderts verursachen. Denn durch die unberechenbaren Launen „Der Börse“ etc. stürzen nachweislich immer weitere Teile der Gesellschaft in eine prekäre Lage - Wie lange wollen wir uns nun noch der Willkür dieser modernen Götter aussetzen?
(Titelfoto: http://www.die-goetter.de/die-goettin-nyx)



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