Wie die Zeit vergeht
OK, dann wollen wir mal. Obwohl ich die Aufgabenstellung im Kopf habe, nehme ich den Zettel mit den handgeschriebenen Notizen aus der Mappe, lege ihn neben meinen Computer und überfliege noch einmal die Zeilen.
Bla bla … dabei darf ich definieren, in welchem Sinne ich hier den Begriff „Siedlungsarchäologie“ verwende. Eine lange Zeit hinduch bezeichnete ein Teil der deutschen Forscher als „siedlungsarchäologische Methode“ eine Arbeitsweise, die ihrem Ziel nach auf die Klärung ethnischer Fragen abgestellt war, ohne sich mit Siedlungsproblemen überhaupt zu beschäftigen… Blablabla
Zu erledigen: Schriftliche Kritik an G. Kossinna`s „Zur ethnologischen Methode“ ansetzend an M. Hoernes.
Nun denn, besonders spannend ist das nicht, aber mir bleibt ja keine andere Wahl. Ich öffne ein neues Word-Dokument. Also, wo fange ich an? Ich schreibe erst einmal die Überschrift. Warum sucht sich der Professor eigentlich immer so trockene Themen aus? Aber gut, das sind die Grundlagen, die wir schon zigmal durchgekaut haben. Also wird es nicht so schwierig sein. Ich blicke auf die Uhr, halb fünf. Um sechs bin ich eingeladen - nun, wenn ich mich noch umziehen will, habe ich noch eine Dreiviertelstunde. Kein Problem für 250 Wörter.
Mein Handy läutet. Umständlich krame ich es aus meiner Jackentasche – es ist meine Mutter. Was will denn sie? Naja, sie wird warten müssen, erst muss ich das hier erledigen, dann rufe ich sie zurück. Aber der Akku ist fast leer. Ich stehe auf, bücke mich, um es einzustecken – verdammt wo ist das Kabel? Ich gehe auf die Knie, irgendwo muss es doch sein. Warum auch immer, liegt es zusammengerollt unter dem Tisch. Wann und warum habe ich das Kabel ausgesteckt und zusammengerollt? Egal, Konzentration! Ich stecke mein Telefon ein und setze mich wieder vor meinen Computer. Wo war ich – die Überschrift. Ich ändere die Schriftart, Times New Roman erscheint mir passend. Courier New als zu simpel. Ein paar prägnante Sätze als Einleitung wären optimal. Grübelnd blicke ich aus dem Fenster, langsam wird es dunkel. Verteufelte Winterzeit! Ich stehe auf, um das Licht einzuschalten, schließlich muss ich mich konzentrieren und kann es nicht riskieren, Kopfschmerzen zu kriegen. Die bekomme ich immer, wenn ich zu lange auf den Monitor starre. Eigenartig, aller Logik nach rühren die Kopfschmerzen von den „Blink-Raten“ des Monitors. Aber die neuen Flachbildschirme flimmern doch nicht mehr. Ich öffne Wikipedia, um mich über die Flimmer-Frequenzen von Monitoren, beziehungsweise über die Technik, auf der LCD-Bildschirme basieren, zu informieren. Halt! Ich schließe den Internet-Browser wieder, ohne nennenswerte Informationen erhalten zu haben. Ich blicke auf die Uhr am oberen rechten Rand des Desktops, noch mehr als genügend Zeit für 250 Wörter. Ich versuche rasch im Kopf einige Zahlen zu überschlagen, wie viele Wörter müsste ich pro Minute schreiben um zu einem sinnvollen Ergebnis zu kommen? 35 Minuten dividiert durch 250 Wörter – so ein Schmarren, also 250 Wörter durch 35 Minuten, ich nehme besser den Taschenrechner zur Hand, na also: 8,57. Ergo muss ich nur 9 Wörter pro Minute schreiben. Wenn ich mir das so überlege kommt es mir so vor, als ob ich mir doch recht viel vorgenommen hätte. Ich werde mich verrechnet haben. Ach, ich habe mich definitiv verrechnet. Vielleicht war ich einfach nur unaufmerksam beim Tippen. Die Zeit verrinnt.
Wie geht’s weiter - ach ja, eine kurze und prägnante Einleitung. Sollte ich mit einer römischen Aufzählung beginnen oder mit einem griechischen Alpha? Letzteres wäre, denke ich, zu geschwollen - wir versuchen ja schließlich prägnant zu sein. Ich bücke mich, um einer Lade einen Stoß Papier zu entnehmen. Per Hand lassen sich einfache Satz- oder Inhalts-Skizzen einfacher erstellen. Mein Handy läutet erneut, ich zucke zusammen. Ich rolle mit dem Stuhl an der Längsseite des Tisches entlang, greife nach dem Gerät. Meine Mutter schon wieder, was will sie nur? Egal, sie wird warten müssen, ich habe zu arbeiten. Ich wende mich wieder dem Computer zu, starre ungefähr drei Minuten auf den Bildschrim, bis ich bemerke, dass ich mit meinen Gedanken vollkommen wo anders bin. Wieso denke ich jetzt ans Snowboarden? Zurück zu den Zetteln. Ich nehme meine Lieblingsfüllfeder, eine Lamy, und setze sie an. Beginne ich jetzt mit erstens? Ist doch gänzlich egal, ich skizziere hier schließlich nur ein Paar Gedanken, um das Thema zu umreißen. Ich überlege mir eine passende Einleitung; wenigstens ein Satz muss her, dann geht der Rest schon wie im Flug. Erstens stützten sich die Auswertungen des frühen Quellenmaterials vornehmlich auf Einzelfunde, sie beruhen daher auf der Deutung von Form und Technik, also qualitativen Kriterien des einzelnen Stücks. Das klingt doch schon einmal recht gut. Moment, sage ich damit eigentlich irgendetwas aus? Halb so schlimm, jetzt muss einmal ein erster Satz hin. Ich bewege meine Hand, um die ersten Buchstaben zu formen. Außer einem unangenehmen Krächzen ist nichts zu bemerken. Ärgerlich, ausgerechnet jetzt ist die Tinte alle.
Ich könnte jetzt zum Drogeriemarkt gehen und neue Patronen kaufen. Wenn ich das mache, werde ich aber gleich ordentlich einkaufen - Olivenöl habe ich ja heute vergeblich gesucht und frische Tomaten, die sind auch wichtig. Ach, es gibt ja gerade diese Schuhe im Angebot. Sahen eigentlich durchaus robust und anständig aus, aber macht das Sinn? Vor allem die Farbe ist mir ein weni....
Schluss damit! Ich sitze hier, starre Löcher in die Luft und denke an eine Einkaufliste. Jetzt aber zügig weiter, die Zeit wird knapp, schließlich muss ich mich noch umziehen. ... Technik, also qualitativen Kriterien des einzelnen Stücks.... so weit so gut. Verdammt, ich habe nicht einmal mehr eine halbe Stunde Zeit, und ordentlich waschen sollte ich mich auch mal wieder, mit Rasur und allem anderen. Ich werde wahnsinnig, wie soll ich mich unter diesem ganzen Druck nur konzentrieren? Der Druck kommt von außen. Eigentlich ist es doch nur so mühsam, wie ich es mir mache. Vielleicht sollte man sich einmal im Monat in ein Kloster zurückziehen. Nicht reden, einfach wieder eins mit sich selbst werden. Gab es da nicht diesen Künstler, der letztens etwas Ähnliches gemacht hat? Wie hieß der doch gleich?
HIMMELHERRGOTT, ist doch ganz egal! Vergiss den blöden Künstler. Ich brauche einen Hauptteil. Ich denke, ich schreibe am besten ein Paar Stichworte zusammen: chronologische Gliederung. Kulturgruppenarchäologie. Siedlungsproblematik. Kulturgruppenarchäologie. Mist, das habe ich schon, also markieren und löschen. Siedlungsarchäologie macht sich auch gut, ob ich das einbauen sollte? Wenn ich gleich am Anfang, so zu Beginn des zweiten Satzes eine dieser schwülstigen Vokabeln verwende, kann das nur positiv sein. „i´m in Love wuhuu“ Oh Mann. Wo habe ich nur diesen Ohrwurm aufgeschnappt? Aber eigentlich ein gutes Lied, sonst würde es sich nicht so einbrennen. Nein, um ein Ohrwurm zu werden, muss ein Lied nur simpel gehalten sein. Schnappi hat im Sommer bewiesen, wie schnell, ein schlechtes Lied…
Ich schlage mir auf´s Bein. Verdammt, ich habe nicht einmal mehr eine halbe Stunde Zeit. Und was ziehe ich eigentlich an, das sollte ich jetzt schon wissen. Wenn ich mich schon wieder verspäte, laden die mich nie wieder ein!
Wie soll ich denn etwas Vernünftiges zustande bringen, wenn man mich die ganze Zeit nur fordert?
Ich stehe auf, schaue noch einmal auf den Monitor, mein Handy blinkt: Zwei Anrufe in Abwesenheit. JA DANKE, ich weiß. Ich schüttle den Kopf, schalte das Handy aus. Ich denke an das Abendessen. Ich muss in 15 Minuten wegfahren, wenn ich dazu pünktlich kommen will, denke ich, während ich mein Hemd ausziehe. Dann greife ich in eine Lade. Ich nehme mir ein Glas Wasser in der Küche, drehe den Computer ab, schlucke die zwei Schlaftabletten und lege mich ins Bett.
References: Titelbild: Andreas Girardi, http://farblos.wordpress.com/2007/12/10/nach-zwolf/
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