Schwer wiegt die Krone
Der ORF hat seinem Drang nach Public Value wieder nachgegeben. Das Resultat dieser Unternehmung ist „Die große Chance“. Hier bekommen Exoten aller Art eine Bühne um sich und ihre Talente zu präsentieren. Ein Ort der Unterhaltung, nicht der Politik. Doch für einige Minuten wurde das Theater der Niveaulosigkeit zum Kolloseum des Politikums. In den Hauptrollen: "Krone" Aushängeschild Michael Jeannee und der deutsche Rapper Sido.
Bekanntermaßen bedienen sich wahre Künstler ja der Lüge um die Wahrheit zu sagen. Genau das tat Jeannee. Er wolle ja nur seinen Freund vorstellen. Jeder Zuschauer erkannte jedoch, dass dies kein trivialer Freundschaftsbeweis, sondern nichts anderes als ein Ausdruck der Macht war, gegenüber dem ORF und dem Rest Österreichs. Die Botschaft sagte: „Seht her. Ich komme in den ORF und verhelfe meinem Freund zum Erfolg. Ich darf mir das herausnehmen, weil Millionen von Krone Lesern hinter mir stehen und ich euch fertig mache, wenn ihr nicht gehorcht.“
Eine unfassbare Provokation. Und wer erhebt sich dagegen? Niemand. Außer Sido, von dem man für gewöhnlich keine fundierte Kritik erwarten kann. Ein Rapper wird plötzlich zum Schutzpatron der Journalisten und sagt ganz klar was läuft. Er kann ja nicht wissen wer vor ihm steht. Der Direktor des Zirkus Roncalli weiß es und senkt das flexible, fettige Haupt vor seinem Meister. Und Sido? „Alle die dem hier ein Plus gegeben haben, haben nur Schiss vor der Zeitung.“ Jeannee sucht derweil pikiert das Weite, in Gedanken schon dabei seine treue Leserschaft zu mobilisieren.
Ich will die Krone-Leser nicht verdammen. Eine Zeitung soll die Lebenswelt seiner Leser abbilden. Das tut die "Krone". Nackte, Tiere und etwas, dass man als rudimentäre Beschäftigung mit politischen Themen bezeichnen könnte. Warum auch nicht? Die Leser lieben das Blatt, sie gehören zusammen, sind eine Familie. Ein schönes Gefühl, nicht allein zu sein und jemanden zu haben der Halt und Orientierung gibt in einer Welt, die man nicht versteht. Wen interessieren Ideale wie Unabhängigkeit, Objektivität, Unbestechlichkeit. Sie sind zu kalt, zu lieblos, zu schwierig. Spielt es noch eine Rolle, dass die "Krone" selbst zu dem verkommen ist, was die meisten seiner Leser hassen: Eine von den Oberen, denen es so gut geht und die uns schröpfen. Denn sie macht gemeinsame Sache mit korrupten Politikern. Eine Hand wäscht die andere. Alles zum Erhalt der Macht. Werner Faymann hat das früh erkannt. Als Wohnbaustadtrat Wiens und später als Verkehrsminister knüpfte er die wichtigen Verbindungen mit dem Boulevard. Sie krönten ihn zum Kanzler nachdem er "seine" Krone mit Inseraten bezahlt hatte.
Qualitätsmedien in diesem Land sind rar. Es sind eher Qualitätsjournalisten. Sie sind die Anwälte des Volkes und Wahrer der Idee von Demokratie. Der gute Journalist will nicht belehren, sondern aufzeigen. Nicht herrschen, sondern vermitteln. Zusammen mit seinen Lesern Ideale verfolgen und nicht über sie hinweg.
Das was im Studio des ORF passiert ist, war eine öffentliche Vergewaltigung jener Werte, die unsere Gesellschaft erblühen lassen, mit Menschen die ihre Umgebung kritisch hinterfragen und den Missbrauch von Macht erschweren. Aktion erfordert Reaktion.In diesem Sinne klärt euch selbst auf. Es wird niemand für euch tun!
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4 Comments
Matthias Fuchs [◘ 131]
studiert Journalismus
Felix Häusler [◘ 508]
CEO and Co-Founder of Newsgrape.com
KHG [◘ 1]
No Occupation given
duckk [◘ 11]
No Occupation given