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Hypertext (4) - Inhaltseinheiten und Verlinkung

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Hypertext besteht aus Orten und ausführbaren Verbindungen zwischen diesen Orten. Zum besseren Verständnis von Hypertext verdient einen genaueren Blick.

Das „Neue“ an Hypertext ist nicht die elektronische Form, also nicht die Tatsache, dass Computer gegenwärtig die am besten geeignete Hardware liefern. Auch lineare Inhalte lassen sich am Computer konsumieren. Das Neue an Hypertext sind nicht einmal die mehr oder weniger zahlreichen Verweise. Auch herkömmliche, linear orientierte Inhalte enthalten Verweise, nicht selten auch viele davon. Das Neue ist allein, dass Verweise dank der Computertechnik sofort ausführbar sind, und dass dadurch Verweisziele sofort abrufbar sind. Diese Tatsache ist eigentlich trivial, aber doch entscheidend. Denn sie verändert die Art, Inhalte zu strukturieren.

Inhaltseinheiten

In linearen Medien sind Verweise ein gut gemeintes Angebot, aber ihnen zu folgen, ist mehr oder weniger mühsam. Es ist bei solchen Medien nicht die Regel, dass Verweisen gefolgt wird. Deshalb sind die Inhalte an Verweiszielen in linearen Medien in der Regel auch nicht darauf eingerichtet, sich als potentielles Verweisziel zu präsentieren. Sie stehen stattdessen im Kontext der linearen Struktur, ohne Rücksicht darauf, woher ein Leser kommt.

Bei Hypertext ist das anders. Wegen der leichten Ausführbarkeit von Verweisen muss sich jedes potentielle Verweisziel so präsentieren, dass es von ganz verschiedenen „Quellen“ her gesehen ein sinnvoller, verständlicher und hoffentlich weiterbringender Inhalt ist. Deshalb gibt es bei allen Hypertext-Konzepten einen wichtigen Grundbegriff, den wir hier als Inhaltseinheit bezeichnen. Gemeint ist damit ein Inhalt, der sich selbst darüber bewusst ist, von ganz verschiedenen, ihm nicht bekannten Stellen aus gesehen ein sinnvolles Verweisziel zu sein.

Es gibt übrigens zahlreiche andere Bezeichnungen für solche Inhaltseinheiten: z.B. node, unit, item, document, card, information block, frame, statement, message, article, hyper-molecule oder guideline (all diese Bezeichnungen wurden vor allem durch Hypertext-Softwareprodukte der Vergangenheit geprägt). 

Thematische Geschlossenheit von Inhaltseinheiten

Ein Inhalt, der „weiß“, dass er von ganz verschiedenen, ihm unbekannten Stellen aus gesehen ein Verweisziel sein kann, darf so wenig wie möglich implizite Bezüge zu Inhalten außerhalb seiner selbst enthalten. Implizite Bezüge sind z.B. stillschweigende Voraussetzungen darüber, was ein Leser zuvor bereits gelesen hat. Oder Anspielungen „zwischen den Zeilen“ auf Inhalte, von denen angenommen werden darf, dass der Leser sie vorher bereits gelesen hat. Aber auch Formulierungen der Art „wie schon früher bemerkt“, die sich auf Inhalte außerhalb einer aktuellen Inhaltseinheit beziehen, sind meistens ungeeignet.

Inhaltseinheiten in einem Hypertext-Umfeld müssen also versuchen, inhaltlich möglichst in sich geschlossen zu sein. Die Forderung nach inhaltlicher Geschlossenheit ist jedoch erst die eine Hälfte. Die andere Hälfte ist das Gegenteil, nämlich die Forderung nach Vernetzung mit anderen Inhaltseinheiten.

Vernetzung von Inhaltseinheiten

Während implizite Bezüge in Inhalten eines Hypertext-Umfelds problematisch sind, sind explizite Bezüge umso wichtiger. Explizite Bezüge sind sichtbare Hinweise, die in den Inhalt eingefügt sind oder ihn umgeben. Im Computer, wo Inhaltseinheiten adressierbar sind, werden solche Hinweise zu ausführbaren Verweisen – Hyperlinks. Durch ausführbare Hyperlinks zu anderen Inhaltseinheiten kann eine Inhaltseinheit alle gewünschten gedanklichen, thematischen, logischen Rück- und Querbezüge zu anderen Inhalten herstellen. Hyperlinks treten dadurch vermehrt an die Stelle von impliziten Bezügen.

Indem Inhaltseinheiten explizite Bezüge zu anderen Inhaltseinheiten herstellen, entsteht unter den Inhaltseinheiten ein explizites Netz. Das Setzen von Hyperlinks wird damit ein Teil des Erstellens und Zusammenfügens von Inhalten. Die Verlinkung verlangt von Hypertext-Autoren die gleiche Aufmerksamkeit und Weitsichtigkeit wie das Strukturieren und Ausformulieren von Inhalten.

Strukturierte Hypertext-Netze

Nun neigen von Menschen geschaffene Netze dazu, kein chaotisches Verbindungsgewirr zu bleiben, sondern Struktur anzunehmen. Zunächst entstehen Überlandstraßen zwischen Orten. Doch früher oder später entstehen auch Fernstraßen, die nicht durch Orte führen, obwohl ihre Benutzer letztlich zu Orten wollen. Stattdessen erleichtern sie es, im Straßennetz einfacher von einem Ort zu einem anderen, weit entfernten Ort zu gelangen. Genauso ist es bei Hypertext-Netzen. Dort entstehen alsbald Inhaltseinheiten, die gar keinen Inhalt im eigentlichen Sinne haben. Stattdessen fungieren sie als Übersichtsseiten oder Verbindungsseiten, die vorwiegend aus Verweisen bestehen. Das Netz nimmt dadurch eine baumartige Struktur an, im Englischen als Outline bezeichnet, die letztlich wieder an die klassische Buchgliederung in Teile, Kapitel, Abschnitte usw. erinnert.

Baumartige Strukturen sind aber nicht die einzige Form, die ein Hypertext-Netz annehmen kann. Je nach Datenbestand kann sich auch eher ein Gitternetz ergeben, weil die Daten aus einer relationalen Datenbank stammen. Da gibt es beispielsweise Inhaltseinheiten, die Spielfilme beschreiben, und andere Inhaltseinheiten, die Kurzbiographien zu Schauspielern enthalten. Bei dieser Konstellation kann jede Inhaltseinheit einer Spielfilmbeschreibung eine Liste der im Spielfilm mitwirkenden Schauspieler enthalten, deren Einträge als Hyperlinks ausführbar sind. So kann ein Anwender über Informationen zu Spielfilm A schnell zu Informationen über Schauspieler A gelangen. Die Informationseinheiten zu Schauspielern können wiederum eine Liste aller Spielfilme anbieten, in denen der Schauspieler mitwirkt, und in dieser Liste sind alle Spielfilme als Hyperlinks ausführbar. So kann der Anwender von Informationen über Schauspieler A schnell zu Informationen über Spielfilm B gelangen, von dort zu Informationen über Schauspieler C usw.

Daneben gibt es weitere Netzstrukturen. Auch die einfache nacheinandergeschaltete Abfolge bestimmter Inhaltseinheiten, die der medialen Linearität im Buch entspricht, ist eine mögliche Netzstruktur. In der Fachliteratur zu Hypertext wird eine solche einfache Abfolge als Guided Tour („geführte Tour“) bezeichnet.

Computer-Netzwerk-Topologien
Computer-Netzwerk-Topologien
Mögliche Anordnungen von Computernetzen lassen sich durchaus auf mögliche Anordnungen von Inhaltsnetzen eines Hypertextes übertragen.
Credits: Wikipedia
de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:NetworkTopologies.png

Der Vorteil von Hypertext ist, dass es keine unumstößlichen Vorschriften für die Vernetzungsstruktur gibt. Ein strukturiertes Hypertext-Netz muss weder eine strenge Baumstruktur noch eine strenge Gitternetzstruktur aufweisen. Es wird sich tendenziell an solchen Netztypen orientieren, weil diese Arten, Zusammenhänge herzustellen, dem menschlichen Denken entspringen. Doch es gibt bei echtem Hypertext keinen technisch bedingten Zwang, sich an einen bestimmten Strukturtyp zu binden. In der Praxis weisen größere Hypertextnetze normalerweise Strukturen verschiedener Netztypen auf.

Hyperlinks

Prinzipiell besteht Hypertext aus nichts anderem als:

  • Inhaltseinheiten,
  • Adressen für Inhaltseinheiten, und
  • Links, die andere Inhaltseinheiten adressieren.

Auch das World Wide Web ist so konzipiert. Im Web ist eine Webseite die typische „Inhaltseinheit“. Webseiten besitzen Adressen, die URIs genannt werden (der Volksmund benutzt allerdings nur das Akronym URL, was genaugenommen eine begriffliche Unterklasse von URIs darstellt). Für die Inhalte von Webseiten gibt es eine Standard-Auszeichnungssprache, nämlich HTML. HTML ermöglicht das Erstellen und Strukturieren von Inhalten und bietet außerdem die Möglichkeit an, Hyperlinks auf andere URIs zu setzen. Innerhalb des Web kommt dann noch das HTTP-Protokoll dazu, das Hypertext mit HTML und URIs als eigenen Dienst innerhalb des Internet etabliert.

Links in der Praxis

Alle Hyperlinks tun letztlich das Gleiche, nämlich einen ausführbaren Link anzubieten, mit dem die Adresse einer anderen Inhaltseinheit verknüpft ist. In einem strukturierten Hypertext-Netz kommt es jedoch schnell dazu, dass Links bestimmte Aufgaben wahrnehmen. Ein Blick auf eine typische Webseite zeigt dies. Dort findet man beispielsweise:

  • Links, die zu einer Navigation gehören.
    Die Navigation erscheint auf allen Webseiten einer Website in einem einheitlichen Erscheinungsbild an der gleichen Stelle. Je unterschiedlicher das Gesamtangebot der Website ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Webseite in der Navigation Links enthält, die praktisch nichts mit dem konkreten Inhalt der Webseite zu tun haben. Denn die Links der Navigation stehen nicht im Kontext der aktuellen Webseite, sondern im Kontext der gesamten Website. Dadurch werden solche Links aus dem Kontext der Inhaltseinheiten, in denen sie vorkommen, deutlich herausgelöst, obwohl sie im Zusammenhang mit der Inhaltseinheit präsentiert werden. 
  • Links, die zu einem sogenannten Breadcrumb-Pfad („Brotkrümelpfad“) gehören.
    Links mit dieser Aufgabe bilden eine erkennbare Hierarchie ab, die dem Anwender zeigt, wo eine aktuelle Webseite im Gesamtzusammenhang der Website gedanklich platziert ist. Links in Breadcrumb-Pfaden sind benutzerfreundliche Bestandteile in Hypertext-Netzen, die eine baumartige Netzstruktur aufweisen. Links, die zu einem Breadcrumb-Pfad gehören, sind jedoch ähnlich wie Navigationslinks aus dem eigentlichen Inhalt herausgelöst und nehmen die Standardaufgabe einer gedachten Hierarchie-Abbildung wahr. 

Obwohl also Links aus technischer Sicht alle das Gleiche tun und den gleichen Aufbau haben, so erscheint es Benutzern einer Webseite oft so, als ob da grundverschiedene Arten der Verlinkung vorkommen. Im Web gehört es zur Kunst des guten Webdesigns, Webseitenoberflächen so zu strukturieren, dass Links darin ganz unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen können.

Verlinkungsdichte

Nicht ausgeschilderte Sackgassen sind ärgerlich, wenn man sich als Fremder darin verfährt. Nicht anders ist es bei Inhaltseinheiten eines Hypertextes, die keinen einzigen Ausgang haben, also nicht einen einzigen Link anbieten. Das andere Extrem ist allerdings nicht weniger verwirrend. So gibt es manche Webseiten, die einen Text enthalten, der eigentlich zum Lesen gedacht ist, bei dem jedoch jedes zweite oder dritte Wort ein Hyperlink ist.

Links mitten in einem zu lesenden Text sollten generell möglichst nur so eingesetzt werden, dass für den Lesenden unmittelbar nachvollziehbar ist, was sich hinter dem Link verbirgt. Separat platzierte Links lösen dagegen weniger Stress bei der Informationsaufnahme aus. Eine Navigationsleiste beispielsweise kann ein Anwender während der Informationsaufnahme "innerlich ausblenden", ein anklickbares Wort mitten im gerade gelesenen Text beschäftigt ihn dagegen und sorgt damit für Ablenkung. Allerdings gibt es durchaus Textsorten, bei denen Leser Links im Text erwarten — auch überraschende, so etwa bei Blog-Artikeln.

Hyperlinks sind nötig, denn durch sie drückt eine Inhaltseinheit explizit und für den Anwender ausführbar ihre Bezüge zu anderen Inhaltseinheiten aus. Doch nicht jeder nur erdenkliche Bezug muss an jeder nur erdenklichen Stelle einer Inhaltseinheit durch einen Hyperlink explizit gemacht werden. Wenn beispielsweise in einem zusammenhängenden Text, der aus einer Handvoll Absätzen besteht, insgesamt zehnmal ein Wort vorkommt, das einen Bezug zu einem anderen Inhalt herstellen könnte, so genügt es, den Bezug einmal durch einen Link explizit zu machen.

Ähnlich ist es bei „trivialen“ Bezügen. Wenn sich beispielsweise ein Hypertext-Projekt um Tierarten dreht, die vom Aussterben bedroht sind, dann wirkt es eher befremdlich auf einen Leser, wenn in den Texten das Wort „Tierart“ ständig anklickbar ist. Allerdings gibt es auch ähnlich gelagerte Beispiele, die zu einem anderen Ergebnis führen. Wenn beispielsweise in einem enzyklopädischen Hypertext-Projekt in einer Inhaltseinheit über Berlin steht: „Berlin ist die größte Stadt Deutschlands“, so muss es nicht befremdlich wirken, wenn darin das Wort „Stadt“ anklickbar ist, obwohl angenommen werden darf, dass jeder Leser weiß, was eine Stadt ist. In diesem Fall darf angenommen werden, dass dem Leser sofort klar ist, dass das Verweisziel keine billige Worterklärung ist, sondern sich mit Themen wie Stadtentwicklung, Verstädterung usw. befasst.

All diese Aspekte muss ein Autor oder Redakteur, der Hypertextinhalte erstellt oder bearbeitet, in seine Überlegungen und Entscheidungen zur Verlinkung des Inhalts mit anderen Inhalten berücksichtigen.

 

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Stefan Münz
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Stefan Münz [◘ 232]

Philosophie und Sprachwissenschaft studiert. Zum Organisationsprogrammierer (C/Unix) umgeschult. Eine Doku namens SELFHTML verfasst. Das SELFHTML-Projekt nach Jahren wieder verlassen, um neue Wege zu gehen. Früher eingefleischter Single, mittlerweile Familienvater. Freiberuflich als Webentwickler und Buchautor tätig.

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5 Comments

  • 06/07/2011
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newsape

newsape [◘ 20]

No Occupation given

Ich würde mal meinen, dass einer der meistverwendetsten, aber im Artikel nicht erwähnten Begriffe für eine Inhaltseinheit die "Ressource" ist... :)
  • 06/07/2011
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newsape

newsape [◘ 20]

No Occupation given

PS. Wie man es in Wörtern wie " Uniform Resource Locator" und "Uniform Resource Identifier" schon erahnen kann...
  • 07/07/2011
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Stefan Münz

Stefan Münz [◘ 232]

No Occupation given

Stimmt, im Web ist das auf jeden Fall ein gängiger Ausdruck, der eigentlich auch korrekter ist als „Webseite“. Denn Ressource kann eben auch ein PDF, ein Flashmovie, eine Slideshow, eine App oder sonstwas sein. Allerdings ist HTML ja dafür ausgelegt, dass sich solche Ressourcen in Webseiten einbetten lassen, und das ist auch der übliche Weg, auf dem solche Ressourcen im Web präsentiert werden. Die „empfundene“ Inhaltseinheit ist dann doch wieder die Webseite.
...
  • 07/07/2011
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Stefan Münz

Stefan Münz [◘ 232]

No Occupation given

Comment deleted 07/07/2011
...
  • 07/07/2011
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newsape

newsape [◘ 20]

No Occupation given

Ich denke interessant wäre hier der Hinweis, dass es bei der ganzen Sache nicht nur um den für den Endbenutzer des "sichtbaren" Bereich des Webs geht; ein großer Teil des Verkehrs im Internet wird wohl über die Benutzung der APIs verschiedenster Webservices generiert - und gerade hier spielt die Definition einer "Inhaltseinheit" eine sehr große Rolle, geht es hier doch immer um wohldefinierte Ressourcen und Operationen die darauf angwendet werden können... Interessant in diesem Zusammenhang z.b. de.wikipedia.org/wiki/Represen…
...
  • 07/07/2011
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newsape

newsape [◘ 20]

No Occupation given

de.wikipedia.org/wiki/Hyper_Te… :D
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