Die Telefon-Affäre
Anfang Dezember fand ich ein dickes gelbes Teil in meinem Briefkasten, welches sich bei näherer Betrachtung als ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit entpuppte. Und zwar handelte es sich um ein TELEFONBUCH - die älteren Semester können sich vielleicht noch daran erinnern: im Prä-Handy-Zeitalter hatte fast jeder Haushalt so ein dickes Gelbes herumliegen. Das brauchte man damals, weil - da schau her - in diesem Ding so ziemlich alle Telefonnummern drinstanden.
Es gab ja in dieser grauen Vorzeit noch nicht die Möglichkeit, Nummern direkt im Telefon abzuspeichern, deshalb benötigte man so ein papiernes Nachschlagewerk. Im Gegensatz zu heute wusste damals zwar jeder Telefonbenutzer die acht bis zehn (oder sogar mehr) am häufigsten benutzten Telefonnummern auswendig, doch wenn man mal z.B. die Nummer eines Restaurants oder Kinos brauchte um eine Reservierung zu veranlassen, dann blätterte man das Telefonbuch durch – man hatte ja auch noch kein Internet, ergo auch keine Möglichkeit, online nach irgendwelchen Kontaktdaten zu suchen.
Doch lassen wir die graue Vorzeit ruhen und wenden uns wieder der Gegenwart zu.
Ich fand also das Telefonbuch im Briefkasten, runzelte die Stirn, dachte mir nix Böses dabei und ließ das Teil flugs mit einem eleganten Drei-Punkte-Wurf im Altpapiercontainer verschwinden. Der befindet sich im Haus in dem ich wohne günstigerweise direkt neben den Briefkästen; das ist sehr praktisch, so kann man den ganzen Werbemist sofort fachgerecht entsorgen, wenn man nicht initiativ genug war sich ein offizielles „Bitte keine Werbung“-Pickerl von der Post zu besorgen.
So weit, so banal.
Auf meiner nächsten Telefonrechnung (ich zähle zu den mißtrauischen Zeitgenossen die jede Rechnung kontrollieren) stellte ich dann zu meiner großen Überraschung fest, dass der Betrag um fünf T€uro höher war als üblich.
Der Leser ahnt bereits, was jetzt kommen muss – ich ahnte zu dem Zeitpunkt noch nichts.
Ich wunderte mich lediglich, denn ich vermeide es tunlichst, mehr zu telefonieren als meine Grundgebühr hergibt, und so konnte ich mir die entstandenen Mehrkosten nicht erklären.
Wer meine früheren Artikel kennt, weiß wie ich in so einem Fall reagiere: Umgehend zückte ich mein Handy und wählte die Servicenummer meines Anbieters. Nach der üblichen Verbinderei und ein paar Minuten in der Warteschleife landete ich bei einer freundlichen Callcenter-Agentin. Die zog mit mir erst einmal ein kompliziertes Identifikationsritual durchzog, irgendwelche Nummern/Buchtabenkombinationen auf meinem Vertrag, den ich erstmal herauskramen musste; mit Namen, Geburtsdatum und SV-Nummer kommst du heutzutage ja nicht mehr weit.
Ja, ich habe doch ein Telefonbuch bekommen, oder etwa nicht? flötete die Dame fröhlich.
Natürlich, erwiderte ich, aber ich könne mich erinnern, ein solches überhaupt jemals bestellt zu haben, und da ich keine Verwendung für so ein Ding habe, hätte ich das auch sofort im Altpapier entsorgt . . .
Nun, das sei ein Service des Unternehmens, jeder Vertragsnehmer bekomme automatisch jährlich ein neues Telefonbuch für die jeweilige Region; das stünde auch in den AGB's meines Vertrages.
An dieser Stelle setzte bei mir kurzfristig Schnappatmung ein.
Als ich mich davon erholt hatte, teilte ich der Dame mit, dass mir dieser Umstand nicht bekannt gewesen sei und dass ich es nett gefunden hätte, wenn mich evtl. der Verkäufer im Shop, bei dem ich den Vertrag unterzeichnet hatte, darauf hingewiesen hätte. Weiters informierte ich die Dame darüber, dass ich weder jetzt noch in Zukunft jemals ein Telefonbuch brauchen würde, jedenfalls nicht solang das Internet verfügbar sei, und dass ich deshalb erstens die fünf Euro als Gutschrift fordere und zweitens darauf bestünde, auf keinen Fall noch einmal ein Telefonbuch zugesandt zu bekommen.
Das klingt jetzt vielleicht ein bißchen hart, aber ich versichere, dass ich dabei stets freundlich blieb und mich bemühte, mit ruhiger Stimme zu sprechen - wenngleich es mir nicht gerade leicht fiel.
Die Antwort der netten Telefonistin, wenig überraschend: Das Geld könne leider nicht rückerstattet werden, das wäre ja viel zu kompliziert und überhaupt . . . war ja nur n' Versuch, denke ich mir.
Selbsverständlich könne sie jedoch gerne für kommendes Jahr stornieren, so dass ich kein Telefonbuch zugestellt bekomme – allerdings nur für das kommende Jahr, im Jahr darauf müsse ich diesen Verzicht dann extra wieder geltend machen.
Ich frage zurück, ob das ihr Ernst sei.
Ja, antwortet sie mit einem etwas peinlich berührten Unterton in der Stimme, das seien leider die Geschäftsbedingungen, juristisches Dingsbums, Firmengesetz, bla. Sie könne da nix dafür.
Ich sage ihr, sie solle mich bitte mit jemandem verbinden, der was dafür könne.
Wenig überraschend die Antwort, dass sie leider nicht die Befugnis habe, mich mit so jemandem zu verbinden. Da ihre Stimme inzwischen ziemlich gequält klingt, beschließe ich, ihr diesbezüglich nicht weiter zuzusetzen.
Stattdessen versuche ich, an ihre Vernunft zu appellieren: Womit sie denn Telefonnummern suche, wenn sie mal eine brauche? Mit dem dicken Wälzer oder doch eher im Internet?
Die nette Dame äußert Verständnis, gibt zu dass sie auch schon seit ewigen Zeiten kein Telefonbuch mehr in der Hand gehabt habe und dass sie auch im Internet nach Telefonnummern zu suchen pflege.
Eben, und dass es in solch' modernen Zeiten doch nicht sein könne, dass ich jedes Jahr aufs neue diese Zwangsbeglückung quasi manuell deaktivieren müsse, sie sehe doch sicher meinen Vertrag vor sich, da könne man diese Telefonbuchzustellung doch sicherlich auch dauerhaft deaktivieren?
Ich höre Tastaturgetippsel und Papiergeraschel, schließlich die erlösende Meldung: Sie habe jetzt extra einen Vermerk angelegt, dass ich explizit niemals wieder ein Telefonbuch zugestellt wünsche, und sie hoffe sehr dass das „durchgehen“ würde.
Halleluja! Denke ich mir und bedanke mich für ihren Einsatz. Sie dankt mir auch für meine Geduld und entschuldigt sich nochmals für „diese Unannehmlichkeit“.
Wie gute alte Freunde verabschieden wir uns von einander.
Sofern ich mich erinnern kann, bin ich nach diesem Telefonat erst einmal entkräftet zusammengebrochen.

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5 Comments
Damien Klinnert [◘ 41]
No Occupation given
Hasenpfote [◘ 382]
Tunichtgut
Lisa Maria Biber [◘ 635]
Bildungswissenschaftlerin, angehende Medien- & Sexualpädagogin, Autorin & freie Redakteurin
machiste [◘ 728]
Blogger, Autor, Werbe- & PR-Texter, Schreibender aus Leidenschaft
Onatcer [◘ 1013]
student, amateur photographer, blogger