Wissen kann Ihre Intelligenz gefährden!
Unsere Kenntnis der Welt und unserer selbst besteht bekanntlich aus Wissen und Nichtwissen. Das kann wohl jeder unterschreiben. Niemand kann alles wissen. Abbott ist anscheinend ein neugieriger Mensch und wollte wissen, was es mit unserer Unwissenheit auf sich hat. Seine Ausgangsthese dabei war, dass Unwissen nicht einfach das ist, was wir nicht oder noch nicht wissen, sondern dass auch Unwissenheit sozusagen eine Vorgeschichte hat. Irgendwie kommt es dazu, dass wir nicht wissen.
Er nahm also ein Buch, das er selber vor 20 Jahren geschrieben hatte, und das unter Fachleuten als Standardwerk gilt. Da er Amerikaner ist, finden sich in dem Buch zahlreiche kurze, prägnante Aussagen, quasi wie Merksätze. Abbott nahm an, dass Studenten und Wissenschaftler seiner Fachrichtung den Inhalt des Werkes einigermaßen wiedergeben können. Zu seiner Überraschung war dem aber nicht so! Nicht einmal die Hälfte war dazu imstande.
Experten, denen ihr Wissen im Wege steht
Seine Überraschung wurde noch größer, als er sich das Ergebnis ein bisschen genauer ansah: Die Experten, also Spezialisten genau dieses Faches, waren am wenigsten imstande, den Inhalt des Buches zu reproduzieren. Sie hatten es entweder nicht entsprechend gewürdigt oder überhaupt falsch verstanden.
Dieses Ergebnis beantwortet aber die Frage, so Abbott, wie Unwissenheit entsteht. Zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere waren diese Experten offen für alles – was ja für Wissenschaftler angeblich bezeichnend ist. Sie haben Wissen gesammelt und daraus eine Theorie entwickelt. Aber – muss man an diesem Punkt mit Hildegard Knef feststellen – von nun an ging‘s bergab.
Jetzt sind sie zwar anerkannte Experten, aber erstaunlicherweise ist es ihr Wissen, das ihnen nun leider im Wege steht. Ihr Gedächtnis beherbergt einen gewissen Wissensschatz, und jetzt sind sie nur mehr in der Lage, sich Dinge zu merken, die zu diesem Wissen passen. Alles was nicht zu ihrer Theorie passt, wird einfach ausgeblendet. Damit können sie sich den Inhalt eines Buches, der nicht mit ihren Ideen übereinstimmt, nicht einmal merken.
„Wer glaubt zu verstehen, verblödet bereits“
Ankowitsch zieht daraus den messerscharfen Schluss: „Wer glaubt, eine Sache verstanden zu haben, beginnt zu verblöden.“ Genauso wie Abbott, der sich nur etwas eleganter ausdrückt: „Unser eigens Gedächtnis fängt an, uns am Lernen zu hindern.“ Daraus kann man lernen, dass Expertentum auf fatale Weise mit Unwissenheit zu tun hat, und dass der einzige Ausweg ist, mit dem Denken immer von Null an zu beginnen. Oder wie es Rupert Sheldrake einmal ausgedrückt hat: Große Entdeckungen machen oft Wissenschaftler, die imstande sind, das Selbstverständliche infrage zu stellen.
Experten fehlt die Offenheit für das Ganze
Wenn wir dieses erstaunliche Ergebnis im Lichte eines ganzheitlichen Denkens betrachten, wie es in diesem Magazin vertreten wird, dann ist es gar nicht mehr so erstaunlich. Die Menschen – nicht nur Wissenschaftler – suchen immer etwas, an dem sie sich anhalten können. Das eigene Wissen ist so etwas, an dem man sich anhalten kann, das einem dadurch aber am Weitersuchen hindert, weil man die Offenheit für das Ganze damit verliert. Dadurch wird das eigene Wissen zur Ideologie. Am schönsten kann man das in der Politik beobachten, wo alles ausgeblendet wird, was nicht Parteilinie ist, so dass mitunter selbst einfache pragmatische Lösungen unmöglich werden.
Wie kann man diesen menschlichen Reflex, dass uns das, was wir wissen oder zu wissen glauben, am Wissen hindert, überwinden?
Experten analysieren und leben dadurch in einer künstlichen Welt
Woher kommt das Spezialistentum? Was wir als Wissenschaft verstehen, ist ja in gewisser Weise auch zur Ideologie geworden. Die Naturwissenschaft, wie sie seit Galilei, Newton und Descartes entstanden ist, ist eine Theorie einfachster Systeme. Man nehme einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit, analysiere ihn, d.h. zerlege ihn in Einzelteile, und untersuche in einen Experiment möglichst einen einzigen Parameter. Dazu muss man das zu Untersuchende isolieren – und untersucht daher etwas, das in der Natur so gar nicht vorkommt. Denn in der Natur ist gar nichts isoliert, sondern alles hängt mit allem zusammen. Genau genommen untersucht man eine Welt, die es gar nicht gibt. Die Methode hat aber den ungeheuren Vorteil, dass man die Ergebnisse dann mit der Wirklichkeit vergleichen kann, und solange sie der Wirklichkeit nicht widersprechen, kann man die Hypothese als gültig ansehen.
Nun hat sich aber die Wissenschaft dahin entwickelt, dass Spezialisten immer kleinere Ausschnitte der Wirklichkeit beackern. Sie wissen dann ungeheure viel über ihr Fachgebiet, aber kaum etwas über andere Disziplinen, nicht einmal über die angrenzenden Wissensgebiete. In der Medizin ist es heute so, dass es keinen Internisten gibt, der sein Fachgebiet überblicken könnte. Es gibt daher Spezialisten für Herz, für Lunge, für Nieren usw. In der Praxis heißt das, wenn Sie auf eine Herzstation eingeliefert werden, sind Sie hervorragend versorgt – wenn Sie wirklich etwas am Herzen haben. Fehlt es aber eher an der Lunge, dann sind Sie unter Umständen aufgeschmissen, denn davon verstehen die Herzspezialisten eher wenig.
Ich denke, daher bin ich (auf der falschen Fährte)
Was ist hier schief gelaufen? Die Ärzte haben vor lauter Spezialistentum den ganzen Menschen längst aus den Augen verloren. Und wer den ganzen Menschen einbeziehen will, kann sich nicht auf (diese) Wissenschaftlichkeit beziehen, der wird von den Schulmedizinern als Alternativer oder Komplementärer beschimpft.
Den anderen geht es ähnlich: Die Physiker – die zwar schon, wenn auch unbemerkt, einen Schritt in Richtung ganzheitliches Denken gemacht haben – suchen nach einer „theory of everything“, etwa der berühmte Stephen Hawking, aber es wird doch wohl eher nur eine Theorie der Materie bleiben und nicht des Ganzen. Also wieder nicht „everything“. Dazu gehört etwas mehr. Aber das ist eben schon wieder das Expertenwissen, das blind für anderes macht und erst recht für das Ganze.
Aber um wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Das Wissen wäre ja an sich noch nicht so gefährlich, es ist das fragmentierende Denken, das den Tunnelblick erzeugt, und das (eingebildete?) Wissen um das eigene Expertentum, das dazu verführt, dabei stehen zu bleiben und gar nicht mehr weiterzusuchen. Daher kann Ankowitsch ganz mit Recht sagen: „Wer glaubt, eine Sache verstanden zu haben, beginnt zu verblöden.“
Dem Wissen kann es daher gar nicht schaden, sich mit dem Nicht-Wissen zu beschäftigen. Aber davon später…
Quellen:
Christian Ankowitsch, Red Bulletin, Juni 2011
Jürgen Kaube: Die drei Formen der Ignoranz, FAZ, 28. Oktober 2010
Bildnachweis: RH
Write a Comment
Write an Article Response
Comments & Answers
0 Comments
There are currently no results to display. Sorry.