Alter Schwede! Skurrilitäten aus dem hohen Norden
Schweden wird hierzulande meist mit schönen (blonden) Frauen assoziiert. Eher seltener ist die Annahme, dass die Schweden allerlei seltsame und amüsante Eigenheiten haben. Was man über Schweden bisher noch nicht wusste...
- Society
- 04/10/2011
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Österreich wäre oft gerne wie Schweden. Die Nordländer sind nicht nur bekannt für ihre schönen (blonden) Frauen, sondern auch für ihr überdurchschnittliches Bildungssystem, den innovativen Wohlfahrtsstaat und ihre unberührte Natur samt azurblauen Seen und majestätischen Elchen. Schweden blieb aufgrund seiner Neutralität von beiden Weltkriegen verschont und gehört zu eines der lebenswertesten Ländern der Welt. Soweit die Vorzüge der skandinavischen Nation. Doch wenn man einige Zeit in Schweden verbringt, fallen einem zunehmend die Skurrilitäten und Eigenheiten dieses nordeuropäischen Landes auf. Einige sind nett, manche sind seltsam und andere sind wiederum schwer fassbar. Alle zusammen machen Schweden zu wohl einem der bizarrsten Länder Europas. Ein Faktum dem die Schweden wohl niemals zustimmen würden, sehen sie sich doch selbst als normalste Menschen auf der Welt.
Die Sache mit dem Tabak
Da wäre zunächst einmal Snus, ein mit Salzen versehener Tabak, der unter die Ober- oder Unterlippe gesteckt wird. Geschätzte ein Million Schweden fröhnen dieser Sucht, vor allem bei den Jungen ist Snus sehr populär. Dieser Oraltabak gilt zwar als gesünder als Zigaretten, kann aber oft zu Bauchspeicheldrüsenkrebs führen. Dazu geht bei langjährigen Snus-Konsumenten das Zahnfleisch oft weit zurück, sodass man von einer Snus-Oberlippe sprechen kann. Manche Snuser haben auch ein Loch im Mund und können dann ihren Finger bis zur Nase hinaufstecken. Die oberen und andere Gründe haben wohl dazu geführt, dass Snus seit langem in der EU verboten ist - aber nicht in Schweden. Ein passendes Beispiel für die Einzigartigkeit der Nordländer.
Wer nach Schweden kommt, wird früher oder später wohl mit dem Bus unterwegs sein. Dabei kann ein amüsantes Phänomen tagtäglich beobachtet werden. Da die Schweden als scheues Volk gelten, die auf ihre Privatsphäre extrem bedacht sind, ist es auch klar, dass sie nicht gern neben jemandem im Bus sitzen. Diese Abneigung geht sogar weit, dass zwei Schweden sich immer so weit wie möglich vom anderen entfernt einen Platz im Bus suchen. Auch Reden mit Busgefährten oder Smalltalk mit Mitreisenden gilt oft als verpönt - wer sich neben einem Schweden hinsetzt und ihn anspricht, dringt tief in seine Privatsphäre ein und verängstigt ihn meist. Beim Busfahren in Schweden lautet also die Devise: Still sein und möglichst weit weg von Mitmenschen sitzen, um als typischer Schwede durchzugehen.
Die Meeting-Fanatiker
Über den Sinn und Unsinn von Meetings lässt sich streiten, für den Schweden sind Meetings aber so etwas wie ein Heiligtum im Alltag. Egal ob in der Arbeit, in der Freizeit oder bei sonstigen Anlässen, Schweden vereinbaren Meetings wann immer es geht. In der Arbeitswelt kann schon mal der halbe Tag mit Meetings verbraucht werden. Wer aber denkt dass diese Meetings stets produktiv sind, der irrt. Kommt bei einem Meeting nichts zustande, treffen sich Schweden einfach wieder bei einem Meeting um die Sache auszudiskutieren. Andere würden vielleicht bald einmal die Geduld verlieren wenn es stets brotlose Meetings gibt, dem sachlichen und stets ruhigen Schweden ist das egal. Lieber noch ein (schlichtendes) Meeting als ein handfester Streit lautet die Devise bei den Nordländern.
Ein weiteres schwedisches und skurriles Phänomen ist lagom. Das Ziel eines jeden Schweden ist, die Dinge stets lagom zu erledigen, sich so zu fühlen und von anderen so wahrgenommen zu werden. Man soll kein Streber, aber auch kein Faulpelz sein, sondern die Sachen stets lagom, also genau richtig, mit richtig dosiertem Aufwand und Einsatz machen. Lagom ist gut und sollte stets erreicht werden, sagt sich der Schwede.
Dazu sind die Skandinavier wohl eines der bescheidensten Völker Europas. Es wäre verpönt und ein Affront gegenüber anderen, wenn ein Schwede sagen würde, dass er etwas gut kann. Vielmehr sollten ihm das seine Mitmenschen mitteilen, denn ein typischer Schwede soll sich stets in Bescheidenheit üben. Des Weiteren werden die Schweden von früh auf darauf gedrillt, alles in Gruppen zu machen und so keine Alleinverantwortung zu übernehmen. Grupparbeter sind überall Pflicht und Ausdruck des schwedischen Selbstverständnis. Auch in Gruppenarbeiten darf man nie mehr oder weniger als der andere machen, vielmehr sollen alle dasselbe machen und die gleiche (Nicht-)Verantwortung dafür übernehmen.
Schwedische Gesprächskultur
Zwei miteinander redende Schweden zu beobachten kann zu einer amüsanten Aktivität entwickeln. Schweden sind, im Gegensatz zu anderen Völkern wie den Spaniern, Meister im Zuhören und unterbrechen niemals. Jemanden zu unterbrechen ist ein Fauxpas sondergleichen bei den Nordeuropäern. Vielmehr erzählt einer seine Geschichte, der andere hört zu, und umgekehrt. Ein perfektes Wechselspiel ohne Unterbrechungen und Zwischenrufe. Dann kann es plötzlich passieren, dass ein Schwede vom anderen eine Gesprächspause verlangt, meist willigt der andere ein. Nach zehn bis 15 Minuten Stille sagt einer der beiden „Ja ha!“, was bedeutet dass das Gespräch, besser gesagt der Monolog im Dialog, nun fortgeführt werden kann – sehr skurril zu beobachten. Dazu fühlen sich Schweden schnell einmal ungemütlich, wenn es zu unvorhergesehenen Gesprächspausen kommt. Dann führen Schweden meist das Wetter als Thema ein, um die unangenehme Stille zu beenden. Zum guten Ton gehört es sich, sich über das Wetter zu beklagen oder an vergangene Wetterkapriolen zu erinnern. Egal ob man über den vergangenen Winter oder über den gestrigen zu kalten, zu warmen oder zu viel Sonne habenden Tag redet, ein Schwede findet immer einen Weg sich über das Wetter zu unterhalten oder zu beklagen. Dann ist es auch wieder Zeit für eine gewollte Gesprächspause.
Mit der Zeit stößt man in Schweden auf andere Seltsamkeiten, etwa dass es in den Städten keine Postämter gibt, die Kaffeepause (Fika genannt) heilig ist und jeden Freitag Pfannkuchen mit Erbsensuppe gegessen werden. Gesiezt wird dazu in Schweden niemand, Titel sind unwichtig und Universitätsprofessoren werden von Studenten mit dem Vornamen begrüßt. Dazu tragen Studenten oft bunte, mit allerlei Stickern versehene Overalls, sei es in Vorlesungen oder manchmal auch bei Prüfungen! Alkohol mit mehr als 5% gibt es nur in speziellen Geschäften namens System Bolaget für über 20-jährige zu kaufen, und wer nicht älter als 45 aussieht, muss sich stets ausweisen. Es sind solche und andere Skurrilitäten, die die Schweden zu einem amüsanten und einzigartigen Volk machen. Alleine deswegen lohnt es sich wohl für den hiesigen Nicht-Skandinavier sich in den hohen Norden Europas zu begeben, um in eine nicht ganz alltägliche Kultur mit all ihren bizarren Eigenheiten einzutauchen. Und wo sonst kann man auch legal Snus konsumieren?
Eine nicht ganz ernst gemeinte Völkerstudie von schwarzweiss
Bild: © Creative Commons hellojenuine
last time modified: Oct. 4, 2011, 1:22 p.m.
Comments
bernhard
04/10/2011 · report · direct link · reply
Also eine ganz besondere Skuririlität geht mir hier schon ab: www.eickhoff.org/blog/2008/08/…
schwarzweiss
04/10/2011 · report · direct link · reply
Sehr amüsant ;) Davon konnte ich bisher in Schweden leider nicht teilnehmen (kam kurz nach dem Krebsfestessen dort an), daher ist es im Artikel auch nicht drinnen.