Auf das Verzichten verzichten
Wer die Welt verändern will, muss das auf der Makroebene tun und nicht andere wegen ihrer Konsummuster kritisieren
- Non-profits & Activism
- 18/04/2011
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„Wer die Welt verändern will, muss zunächst einmal bei sich selbst anfangen.“ Dieser geflügelte Satz scheint das Paradigma unserer Zeit zu sein. Die Verantwortung für das Weltübel wird von der Makroebene auf die Mikroebene verlegt. Wer gegen grausame Viehtransporte ist, sollte kein Fleisch essen, wer gegen CO2 Ausstoß ist, darf keine Autos mehr benutzen und wer gegen Sweatshops ist, muss seine Kleidung entweder selber nähen, oder zum Flohmarkt gehen. Auf der anderen Seite müssen sich Menschen wie Al Gore, welcher das Problem des Klimawandels wie kein anderer in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt hat dafür rechtfertigen, dass sie Flugzeuge benutzen.
Dieser Tage findet in Deutschland aufgrund der beachtlichen Wahlergebnisse der Grünen, welche nach aktuellen Umfragen sogar den nächsten Bundeskanzler stellen könnten, eine Diskussion über die Zusammensetzung der Partei statt. Aus der alten Ökopartei, deren Bilder unter anderem durch Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen im hessischen Parlament geprägt waren, ist eine moderne bürgerliche Partei geworden, bei der die Anzüge mindestens so gut sitzen wie bei den bürgerlichen Parteien. Ein oft vorgebrachtes Klischee ist das des oberen Mittelständlers, welcher die Grünen wählt, aber dennoch einen umweltschädigen Straßenkreuzer Marke Benz fährt. Dies sei ein Widerspruch. Das sieht Harry Bolt jedoch gar nicht so. Denn große Probleme werden nicht auf der Mikro-, sondern auf der Makroebene gelöst.
Viele Freizeit-Ökos gehen wie automatisch davon aus, dass die Probleme der Welt nur durch persönliche Aufopferung lösbar sind, durch welche sie sich hochstilisieren wollen. "Ich esse kein Fleisch, also bin ich. Ich benutze keine Autos, also bin ich.“ Diese Selbstbeweihräucherung dient ausschließlich der Identitätsbildung und Selbstlegitimation. Problematisch dabei ist, dass das Schaffen einer besseren Welt in die Verantwortung des einzelnen gelegt wird. Der Einflussbereich des Einzelnen ist jedoch begrenzt, man kennt eben auch über sechs Ecken nicht jeden anderen Menschen auf dem Planeten und selbst wenn, heißt das noch lange nicht dass man ihn zum Fleischverzicht bewegen könnte. Viel problematischer ist die persönliche Verantwortungsebene jedoch wenn es um soziale Probleme geht. So wehren sich viele Konservative in den USA gegen soziale Absicherung, haben aber dennoch das höchste Aufkommen an sozialen Privatspenden. Helfen: Gerne, aber nur wenn ich es freiwillig mache und nicht dazu gezwungen werde.
Vorbildhaftes Konsumverhalten ist sicherlich löblich, bringt aber rein gar nichts ohne konkretes politisches Engagement. Wer gegen Atomkraft ist, hat gefälligst auch dagegen vorzugehen. Wer gegen Viehtransporte und Ausbeutung der dritten Welt ist, muss aktiv politisch dagegen vorgehen. Kein Fleisch zu essen, wird keiner Kuh das Leben retten. Spenden an Obdachlose bringen ebenfalls weniger als politische Programme, welche die untersten in unserer Gesellschaft auffangen. Kurz gesagt. Das Problem muss von oben angegangen werden, und nicht von unten.
Die großen Probleme der Menschheit, soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung können nur auf der globalen Ebene behandelt werden. Was nutzen die gesparten Emissionen durch Verzicht auf Autos, wenn die USA und China gemeinsam die Hälfte aller Emissionen verursachen. Das Problem ist global.
Auch bei den Konsummustern wird man auf lokaler Ebene kein Umdenken einleiten und man muss es auch gar nicht. Es muss nicht immer alles kohärent sein. Von den 23% der deutschen Wähler, die zurzeit die Grünen wählen würden, trennen sicherlich nicht alle ihren Müll und kaufen nur Fair-Trade-Produkte, aber das ist vollkommen legitim. Denn, wenn sie den Grünen zu einem Wahlsieg verhelfen, stehen die Chancen gut, dass die Partei einige Maßnahmen politisch durchsetzen wird und zwar auf der Makro-, nicht auf der Mikroebene.
Also bitte: Esst euer Steak, fahrt euren Benz, schmeißt eure Altbatterien in die grüne Tonne und packt die Probleme da an, wo sie ein wenig schwerer zu lösen sind. Kein Fleisch zu essen ist nämlich wesentlich leichter, als sich 20 Jahre durch die politischen Institutionen zu hangeln um ein Mandat für seine Politik zu bekommen. Natürlich ist verantwortungsvolles Verhalten auch auf der Mikroebene löblich, es darf jedoch nicht dort verbleiben. Aus Gewissensgründen kein Fleisch zu essen, ist eine politische Handlung aus welcher sich auch die Verpflichtung ergibt, gegen exzessiven Fleischkonsum vorzugehen.
last time modified: July 15, 2011, 12:10 p.m.

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