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Bildungstalfahrt

Befund über ein kränkelndes Schulsystem, mit dem nicht einmal mehr Lehrer was zu tun haben wollen.

Unlängst in der Straßenbahn: zwei ungefähr 16-jährige Burschen unterhalten sich über Fußball. Bei der nächsten Haltestelle steigt ein etwa 40-jähriger Mann ein. Die beiden Burschen beginnen zu grinsen. Der Mann ist ihr Lehrer. „Herr Professor, wie war’s gestern in der Schule? Wir haben gehört, es waren nur 12 Leute da!“ „Ihr beiden wart auch nicht in der Schule?“ „Äh, nein, wir waren krank.“ Die Burschen grinsen und husten gekünstelt. Der Lehrer beginnt zu lachen: „Ich weiß nicht wie es gestern in der Schule war, ich war auch nicht dort. Ich war auch krank.“ Er zwinkert den Burschen zu.

Die fehlende Motivation der beiden Burschen ist nicht sehr verwunderlich. Bei Jugendlichen kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass sie sich nicht sonderlich für die Schule erwärmen können und bei Gelegenheit versuchen, den Schulbesuch zu umgehen. Von Lehrenden allerdings würde man das weniger vermuten. Was passiert mit Österreichs Schulsystem, wenn nicht einmal mehr die Lehrer motiviert sind, in die Schule zu kommen?

Mit dem österreichischen Bildungssystem geht es bergab. Auch wenn man nicht genau weiß warum, so spürt es doch jeder ganz deutlich. Bei der PISA-Studie 2010 erreichte Österreich den 31. Platz von 34 OECD-Ländern. Gut, die Aussagekraft der Studie kann man sehen, wie man will. Doch selbst PISA-Kritiker können die Augen nicht vor den anderen Fakten verschließen: Laut einer Studie der EU-Kommission haben in Österreich rund 9% aller 15-jährigen Schüler mindestens einmal eine Klasse wiederholt. Pro Schuljahr sind rund 40.000 Schüler nicht aufstiegsberechtigt. Eine Studie der Statistik Austria besagt, dass zwei Drittel dieser Schüler tatsächlich eine Klasse wiederholen. Was aber oft nicht zu besseren Leistungen führt. So schließen 35% der „Sitzenbleiber“ an AHS-Oberstufen auch beim zweiten Durchgang die Klasse nicht positiv ab. Schüler mit Migrationshintergrund haben ein deutlich höheres Risiko sitzenzubleiben, als Kinder mit deutscher Muttersprache. Auch die Wahrscheinlichkeit, zum Schulabbrecher zu werden, ist für Migranten sieben Mal so hoch als für Jugendliche mit österreichischen Wurzeln.

ABER: Warum ändert sich nichts? Österreichs Schulpolitik zeigt eine erstaunliche Reformresistenz. Für diese Erkenntnis reicht ein kleiner Blick in die Vergangenheit: Fritz Verzetnitsch, damals leitender Sekretär des ÖGB, forderte 1986 die Einführung der Gesamtschule. Bis heute – 25 Jahre später – hat sich in der Causa nichts bewegt. Die Forderung ist eine solche geblieben, oft befürwortet, oft abgelehnt. Ein Bildungsvolksbegehren später ("Bildungsoffensive- und Studiengebühren" 2001 mit 173.596 Unterschriften) kommt 2003 die SPÖ-Forderung nach einer Ganztagsschule. 2009 möchte Unterrichtsministerin Schmied, dass Lehrer zwei zusätzliche Stunden pro Woche in der Schule arbeiten, kann sich damit aber nicht durchsetzen. Nun steht das nächste Bildungsvolksbegehren ins Haus. Diesmal ist es Hannes Androsch, der sich für "ein faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem“ einsetzt. Von Stillstand in der Bildungspolitik kann dann wohl keine Rede sein, oder? Schließlich wird ständig diskutiert, und das seit mehr als 20 Jahren. Immerhin, Rot-Schwarz konnte sich zuletzt auf die Abschaffung des Sitzenbleibens und die Aufhebung der Zehn-Prozent-Obergrenze bei der Neuen Mittelschule einigen. Ach, und nicht zu vergessen: Die Samstags-Schule wurde abgeschafft.

Heidi Schrodt, Leiterin der 2007 eingerichteten Schulreformkommission, sagt mit Verweis auf die Gesamtschule, dass in Österreich ein Gesamtkonzept nie umgesetzt werden kann, weil es fixe Blockaden gibt, die das verhindern.

Dass die Gesamtschule nicht das alleinige Allheilmittel darstellt, ist klar. „Weder die Einführung einer Gesamtschule, noch mehr Ganztagsschulen, neue Lehrpläne oder mehr finanzielle Ressourcen können die Leistungen der Schüler insgesamt verbessern“, sagt der Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien. Stattdessen müsse man jene Schüler, die mehr Förderung bräuchten, besser unterstützen. Und vielleicht sollte man in der Debatte auch nicht auf die demotivierten, frustrierten Lehrer vergessen und sich auch um sie kümmern, sodass sie zukünftig nicht mehr Krankheiten vortäuschen müssen, weil sie ihren Arbeitsplatz so hassen. 

Von Nudas Veritas

last time modified: July 15, 2011, 4:10 p.m.

Comments

Onatcer

Onatcer student, amateur photographer, blogger

29/05/2011 · report · direct link · reply

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Danke für dieses Artikel!

Aber: Als 16 jähriger Schüler hab ich mich da schon etwas angegriffen gefühlt und muss da zum Verteidigungsschlag ansetzen. Ich selbst besuche eine IT-Schule in Wien und die hier beschriebene Situation finde ich wenn sie wahr ist wirklich schlimm. Dennoch denke ich nicht, dass dies Standard ist. Keine Frage ist auch, dass bei Prüfungen etc. mehr Schüler krank sind als üblich. Hierfür hätte ich auch zwei Erklärungen: einerseits die Belastung des Lernens vor dem Test, andererseits der Druck an und für sich vom Test. Auch ich hab mich plötzlich vor einigen Test sehr mulmig gefühlt und teilweise mehr, bin aber schlussendlich doch zu den Tests in die Schule gegangen. Bei den Lehrern sehe ich das Problem eigentlich auch nicht so extrem. Sicher sind Lehrer immer öfter krank aber sie müssen auch immer mehr tun. Die Klassen werden weder kleiner noch schlauer und wenn ein Lehrer einen Stoff durchbringen will bzw. muss kann es da schon einmal zu Erkrankungen kommen. Das Burn-Out-Syndrom ist ja sehr beliebt um alle Erkrankungen die durch solchen Druck entstehen zu beschreiben ^^

Puh, das war mal die Verteidigung. Zum Schulsystem:
Ich habs schon des öfteren in meinen Kommentaren und Artikeln erwähnt: Es beginnt in der Volksschule und davor. Kinder die der Landessprache nicht mächtig sind können nicht so sehr am Unterricht teilnehmen und verstehen nicht alles was gelehrt wird. Dies gilt sowohl für In- als auch Ausländer. Dieses spätere Erlernen der Sprache wirkt sich natürlich in allen Fächern aus, nicht nur in Deutsch. Man muss sich immer am schwächsten Glied orientieren. Es werden in den ersten Klassen oder überhaupt in den Volksschulen zu wenige Kinder sitzen gelassen. Ehrlich gesagt wäre es mir als Arbeitgeber ziemlich egal wenn ich im Lebenslauf sehe, dass der Bewerber in der Volksschule durchgefallen ist. Da denke ich mir:" Er war eben noch nicht reif genug und hat dann die Klasse erneut probiert geschafft und sein resticher Schulweg ist auch in Ordnung".

Ganztagsschule ist schön und gut aber in einem Modell der "Neuen Mittelschule" in meinen Augen nicht durchsetzbar bzw. nicht sinnvoll durchzusetzen.
Wenn man sich durch die FAQ's ließt ( www.neuemittelschule.at/fuer_e… ) stellt man fest wie unumsetzbar manche Vorstellungen der Ministerin sind.
Ich sehe dieses System nicht als Richtiges um alle Schüler bestmöglichst zu fördern. Auch weil es momentan zu wenige Lehrer gibt.


Gregor (Onatcer)

PS.: Mal ein etwas längerer Kommentar ;D

nudas_veritas

nudas_veritas

29/05/2011 · report · direct link · reply

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Hallo Gregor, danke für dein Feedback!

Erstens: Du hast natürlich recht, man kann nichts verallgemeinern, auch nicht Lehrer/ Schüler. Ich habe die oben beschriebene Situation in der Straßenbahn selbst beobachtet und sie daher als Anfang für meinen Artikel genommen. Natürlich ist die derzeitige Situation überspitzt beschrieben und ich möchte den Schülern und auch Lehrern nicht den Druck absprechen, unter denen sie stehen.

Zweitens: Ich gebe dir recht, dass die Probleme schon viel früher in der Volksschule und im Kindergarten entstehen und (vor allem in großen Städten wie Wien) auch daher kommen, dass Kinder nicht Deutsch sprechen können. Und ja, es gibt eindeutig zu wenig KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen, um alle Kinder so zu fördern, wie sie es bräuchten. Das Thema ist sehr komplex und hat viele Aspekte. Da ich nicht wollte, dass der Artikel ewig lang wird, hab ich mich auf den Aspekt fokussiert, dass politisch nichts weitergeht. LG

Onatcer

Onatcer student, amateur photographer, blogger

29/05/2011 · report · direct link · reply

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Hi,

ich gebe dir ja auch in deinem Artikel in vieler Hinsicht recht. Wichtig war mir nur zu zeigen, dass dies wohl wirklich ein schlimmer Einzelfall ist.... Es ist nicht schön zu sehen was derzeit mit unserem Schulsystem passiert. Schlimm ist ja auch, dass seitens der Politik verhältnismäßig viel Geld investiert wird und wenig dabei rauskommt.

Schade eigentlich für einen Staat wie Österreich, dass sogar die Amerikaner uns im Schulsystem einen Schritt voraus sind. Aber bei Unterrichtsministerinnen wie es sie in den letzten Jahren gab auch kein Wunder bzw. Koalitionen. Reformeneiszeit ist einfach In. Egal ob beim Bundesheer oder beim Schulsystem.

Dann kommen leider Partein daher die das ganze auf ungute Art ausnutzen und das blaue vom Himmel versprechen weil sie wissen, dass sowiso niemand mit ihnen in eine Koalition geht und weil sie die 50% alleine nicht schaffen können sie einfach mal vollkommen undurchsetzbare Sachen in den Raum stellen....


Straßenbahngeschichte aus Wien?