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“Brauchst Substi?” – Die Opernpassage

An einer der wichtigsten Drehscheiben Wiens herrschen eigenartige und schwer zu beschreibende Zustände. Sehe ich zu viel oder sehen alle anderen weg?

1010, Wien. Es ist Nachmittag an einem schwülen Frühlingstag. Die Sonne scheint zwischen der ersten Blüten einer jungen Kastanie hindurch, und dem fröhlichen Touristen, der gerade sein am Ring gelegenes Hotel verlässt, direkt in die Augen. Er und seine Frau haben beschlossen sich den berühmten Schönbrunner Tierpark anzusehen. Wie sie gelesen haben, soll die Wiener U-Bahn, im Vergleich zu manch anderen Großstädten durchaus ertragbar sein. Also schlendern die beiden gut gelaunt in Richtung Oper. Sie nehmen die Rolltreppe hinunter.

Stirn-runzelnd verharren sie kurz in der Betrachtung einer Drehtür hinter der klassische Musik dröhnt, und die zum Besuch einer Toilette einzuladen scheint. Sie sehen einander kopfschüttelnd an und spazieren weiter. Hinter der großen, unterirdischen Halle mit dem Bäcker in der Mitte, sind sie plötzlich in einem schummrigen und grauen Durchgang. Es stinkt und mehrere Hunde bellen. In diesem Moment wird die junge Frau angerempelt. Sie dreht sich um und sieht in die geröteten Augen eines abgemagerten Jugendlichen. Speichel hängt an seinen knall-blauen Lippen. Erschrocken geht sie weiter, die Hand ihres Begleiters umklammernd. Dieser sieht sich noch einmal nach dem Junkie um und stolpert dabei fast über einen auf dem Boden liegenden Penner.

Der Obdachlose gibt ein Grunzen von sich und macht eine Bewegung, fast so als würde er gleich mit seiner Dose Ottakringer nach dem Touristen werfen. Dann besinnt er sich anders, vermutlich ist ihm der Rest Bier zu schade. Das Pärchen geht weiter, sie halten einander fest an den Händen, mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Furcht in den Augen. Im nächsten Augenblick pflanzt sich ein junges Mädchen vor ihnen auf. Die beiden versuchen auszuweichen, das Mädchen rückt nach. Sie redet etwas in einer fremden Sprache - deutsch - und zeigt auf ihre Mappe mit einem Panda-Bären darauf. Dann begreift sie, dreht sich ohne ein Wort zu sagen um und stellt sich vor den nächsten Passanten. Die Frau hat in ihrer Beklemmung schon ihre Nägel in die Hand ihres Mannes gebohrt, worauf er versucht, sie mit ein bis zwei Worten zu beschwichtigen. Eine Sekunde später, ist es dann ein kaum 10 jähriger Bub in zerrissener Hose, der den beiden seine offenen Hand entgegenstreckt. Dabei schüttelt der Zigeuner seine zerzausten, schwarzen Haare aus dem Gesicht und setzt einen unfassbar leidenden und mitleidserregenden Gesichtsausdruck auf. Die Frau weicht zurück, fasst ihren Mann um die Hüften und zieht ihn zielstrebig zur nächsten Rolltreppe - raus aus dieser Unterwelt. Wieder unter freiem Himmel wollen sie nur eines: so schnell wie möglich ein Taxi nehmen.


Nun, dies war natürlich eine fiktive Geschichte. Ich hätte auch noch ein Blumenmädchen, einen Augustin-Verkäufer, einen Hütchenspieler und einen eigentlich obligatorischen Drogendealer einbauen können. Auch einen Gärtner. No na. Ich versuche hier jedenfalls,  die Atmosphäre der Karlsplatz-Passage einzufangen, die wir alle so gut kennen.

Die Karlsplatz-Passage -oder auch Opern-Passage- ist ein wichtiger Teil des Bahnhofs Karlsplatz. Die Station Karlsplatz ist bis heute der größte Verkehrsknoten der Wiener Linien. Hier kreuzen sich die Linien U1, U2 und U4. Es gibt Umsteigegelegenheiten zur Badner Bahn, den Straßenbahnlinien 1 und 62 sowie zu den städtischen Buslinien 4A und 59A. Darüber hinaus halten an der nahe gelegenen Station Kärntner Ring, Oper die Straßenbahnlinien 2 und D sowie die Buslinie 3A und die von den Wiener Lokalbahnen betriebene Regionalbuslinie 360. Um hier schnell hin und her zu gelangen wurde die Opern-Passage geschaffen. Ursprünglich 1899 eröffnet, wurde die Station mit der Anbindung des letzten Teilstückes der U1 am 25. Februar 1978 auch U-Bahnstation. Die U-Bahnstation Karlsplatz wird heute laut einer Statistik der Wiener Linien täglich von weit mehr als 200.000 Menschen frequentiert, was sie zum größten Bahnhof Österreichs macht. Die Opernpassage wird von rund 300.000 Passanten täglich benutzt.

Wie kann es also sein, dass dieser Ort so versifft und verkommen ist? Wieso ist dieses Problem seit vielen Jahren bekannt, und keiner unternimmt etwas? Sind sich die roten Politikbonzen aus dem Rathaus in ihren Audis zu schade für einen Lokalaugenschein? Vermutlich wollen sie einfach nicht, durch soviel Elend auf einem Fleck, aus der Traumwelt gerissen werden und sich eingestehen, dass ihre Placebo-Aktionen der letzten Jahre nichts genutzt haben. Zu Recht beklagen sich die Gewerbetreibenden vor Ort, über eine Verschlimmerung der Zustände und über Geschäftseinbußen. Ökonomisch betrachtet, hat es doch aber noch wesentlich gravierendere Ausmaße: Alle in Österreich wissen, wie viel ihres Wohlstandes sie den Touristen verdanken. Auslandsdevisen, schön regelmäßig und gerne erbracht von willigen Touristen. Kann man denn dann eine solche Drehscheibe wie diesen Bahnhof, die einzige Station an der sich drei U-Bahn Linien treffen, die Station die den Beinamen "Oper" trägt, die eigentlich an der Ecke des Hotels Sacher und der Kärtnerstrasse ist, so aussehen lassen? Die Touristen, die dank des CAT in Wien Mitte landen und dann mit der U4 direkt ins Zentrum wollen, so willkommen heißen?

"Du hast ja ganz recht, aber die Drogenszene würde ja nur wo anders hinziehen", bekommt man dann oft zu hören. Ok, dann soll sie doch irgendwo anders hinziehen. Irgendwo in die Großfeldsiedlung oder von mir aus auch nach Kritzendorf. "Aber es ist doch auch gut, dass man die Szene da unter Kontrolle hat." kommt dann als nächstes. Stimmt, inzwischen hat man sie "unter Kontrolle". Indem man eine Polizei-Station direkt in die Passage gesetzt und die Video-Überwachung verfünffacht hat. Durch eine "Schutz-Zone" in der Umgebung des Evangelischen Gymnasiums oder in dem man ein Paar Leute in orangefarbenen Jacken als "Help U-Team" herumlaufen lässt. Montag bis Freitag, zwischen 7 und 22 Uhr und an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen, von 13 bis 22 Uhr. Na dann. Eine andere besonders wirksame Aktion war auch die Neugestaltung des Westteils. Jedenfalls oberflächlich betrachtet. Und das wichtigste, medienwirksam war sie außerdem, die Installation des Kanadiers Ken Lum: An den Seitenwänden des Durchgangs wurden 14 verspiegelte Paneele angebracht, die mit geätzten Überschriften versehen sind. Dahinter befindet sich eine LED-Anzeige. Die vom Künstler so bezeichneten „Factoids“ sind ernsthafte, wie auch triviale Gegenstände der Statistik. Schön und gut, übersieht man als naiver Bürger die Tatsache, dass der Spaß -inklusive eines gesalzenen Honorars für den Künstler- den Steuerzahler 290.000 € gekostet hat.

Gleichzeitig hat man damit Argumente geschaffen, die die Herren im Parlament nun gerne aufgreifen - von wegen getätigten Investitionen, kontrollierten Zuständen etc, um das Thema erst recht ruhen zu lassen.

Nun beginnt auch mancher Schnellzünder aus der Politik mit dem Thema Stimmung zu machen. So meinte zum Beispiel Mag. Johann Gudenus kürzlich, dass Berichte wonach ein "Bewohner" der Passage in seinem Rausch öffentlich masturbiert habe, das Fass jetzt doch zum Überlaufen brächten, und weiter, dass sich die FPÖ dieses unhaltbare Schauspiels im Zentrum Wiens, nicht länger anschauen wird.

Die Opernpassage ist ein Schandfleck Wiens. Aber muss es wirklich dazu kommen, dass irgendwelche Politiker mit zweifelhaften Ansichten, sich diesem Problem annehmen? Könnten die "Hohen" Herren in Rathaus und Parlament sich nicht vielleicht doch erbarmen, neben einer Ortstafel-Verschiebung auch über eine Drogenszenen-Verschiebung nachzudenken?

Was meint Ihr?

last time modified: Oct. 26, 2011, 11:25 a.m.

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