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Das lustige Spiel mit der Atomkraft

"Bei den deutschen Medien möchte ich mich dafür entschuldigen, dass wir hier immer noch keinen Super-GAU wie in Tschernobyl haben.“

In Japan wird aus dem AKW Fukushima trotz der vehementen Proteste aus dem Ausland noch einen Tag länger radioaktives Wasser ins Meer gepumpt. China äußerte sich zeitgleich sehr besorgt über eine radioaktive Belastung des Meeres und verlangte genauere Informationen. Ja, die selbe Volksrepublik China, die in einem Zeitraum von 1964–1996 45 Atombombentests durchführte. Heuchlerisch? Nein, so macht man das eben. Auch andere Länder nutzen die Gunst der Stunde, um im Rahmen der Naturkatastrophe vom  11. März 2011, verschiedenste politische Image-Spielchen zu treiben. Österreich und Deutschland nicht ausgenommen.

"Die Todeskinder von Fukushima", titelte eine große österreichische Tageszeitung gleich nach dem Beben. Auf dem Titelbild sieht man verzweifelte Erdbebenopfer. Tendenziös und an der eigentlichen Katastrophe vorbei. Ja, Atomkraftwerke sind inakzeptabel zur Energiegewinnung und durch die Gier und Dummheit weniger Personen leiden jetzt noch tausende Menschen an den Folgen des Tschernobyl-GAU´s im Jahre 1986. Diese Fakten sind bereits beängstigend genug. Die Menschen in Panik zu versetzen und eine Katastrophe mit der anderen zu vermischen, wie es in den letzten Wochen weltweit auch sogenannte Qualitätsmedien taten, ist jedoch der falsche Weg. "Bei den deutschen Medien möchte ich mich dafür entschuldigen, dass wir hier immer noch keinen Super-GAU wie in Tschernobyl haben.“, schreibt ein Deutscher, der in Japan lebt und arbeitet, in einer E-Mail an die Welt.de. "Zum Glück“, fasst der Autor jener Vermutung zusammen, "lesen Japaner aber dieser Tage kaum ausländische Presse.“

Der einzige positive Aspekte der Hysterie ist der enorme Druck, der dadurch auf den Schultern sämtlicher Politiker lastet. "Abschalten", fordern immer mehr Bürger in ganz Europa. Natürlich ist es ökonomischer Unsinn, von heute auf morgen alle Kraftwerke abzuschalten. Aber erst wenn klar ist, dass Atomkraftwerke in den verschiedensten Ländern weltweit, tatsächlich bald auf immer vom Netz gehen, kann die Kraft entstehen, um stärker auf alternative Energiequellen zu setzen und diese effektiver zu machen. Was passiert, wenn die atomare Technologie ob der geistig beschränkten Fähigkeiten des Menschen außer Kontrolle gerät, setzt sich jedoch nur sehr kurzfristig in den Köpfen fest. Höchst fraglich ist, bis zu welchem Grad tendenziöse Berichterstattung noch vereinzelte, positive Begleiterscheinungen, wie die neu erstarkte Anti-Atombewegung, mit sich bringt.

Die Ungewissheit welches Ausmaß eine atomare Katastrophe tatsächlich hat, welchen Quellen geglaubt werden kann, ob die Betreiberfirma eine endgültige Explosion verhindern kann, wie lange und in welchem Ausmaß das Gebiet um das Kraftwerk verstrahlt sein wird und die mittlerweile kilometerlange Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen wären Gründe genug, in jedem halbwegs rational denkenden Menschen eine Abneigung gegenüber dieser Technologie auszulösen. Dazu braucht es keine vorgekaute Meinung in der medialen Berichterstattung. Und vor allem keine Vermischung von Bericht und Kommentar, die der ungeübte Leser nicht durchschaut. Sachliche, gut recherchierte Berichterstattung, die die freie Meinungsbildung dem Leser überlässt, ist im 21. Jahrhundert leider rar geworden. Wenn eine Tageszeitung sofort die Informationsebene verlässt und auf einer rein emotionalen Ebene "Atomkinder" präsentieren muss, um ihre Leser gegen Atomkraft zu mobilisieren, wirft sich dem Autor dieses Kommentars eine sehr elementare Frage auf: Wo steuert unsere Gesellschaft hin, wenn, euphemistisch geschätzt, 40% der Österreicher in ihrer Meinungsbildung derart leicht von der Boulevardpresse zu manipulieren sind?

 

 

last time modified: Nov. 16, 2011, 11:34 p.m.

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