Der Direktor und seine Diven
Anna Bolena ist der Höhepunkt einer eher verkorksten ersten Saison für Staatsopernchef Dominique Meyer
- Culture Art
- 15/04/2011
- 571
- 0
- 0
- http://ngrap.es/pR9
Dominique Meyer hatte sich seine erste Saison als Staatsoperndirektor wohl einfacher vorgestellt. Die Regie der Neuproduktionen des „Don Giovanni“ und des „Figaro“ wurden vom Wiener Publikum mit lauten Buhrufen verschmäht. Selbst Meyers musikalischer Leiter und Dirigent der beiden Mozart Opern Franz Welser-Möst, kritisierte in der ATV Kultursendung „Highlights“ öffentlich, was ohnehin alle wissen: „Die größten Fehler bei diesem Regisseur sind, dass er nicht Willens ist, auf Musik und Sänger einzugehen.“ Kein Wunder, dass "Cosi fan tutte" vom Spielplan 2012/13 gestrichen wurde. Der vorgesehene Regisseur Jean-Louis Martinoty, war bereits für die ersten beiden Malheure verantwortlich.
Quotengarant Netrebko
Meyer benötigte dringend einen öffentlich wahrgenommenen Erfolg – einen Erfolg der auch im Kulturministerium registriert werden sollte, sofern er an einer Vertragsverlängerung interessiert ist. Dafür kommt in Österreich nur eine Sängerin in Frage, Anna Netrebko. Und da diese stimmlich zur Zeit nicht allzu verläßlich ist, wurde zur Sicherheit gleich ihre größte Konkurrentin Elina Garanca ins Boot geholt. Laut Operninsidern war vorerst Donizettis „Lucia die Lammermoor“ geplant. Doch willigten die beiden Ausnahmeerscheinungen (vor allem hinsichtlich medialer Aufmerksamkeit) wohl ausschließlich unter der Bedingung ein, gleichbedeutende Rollen zu singen. „Anna Bolena“, obgleich (mehr oder weniger zurecht) keine der wirklich berühmten Donizetti Opern, war die Konsequenz. Sechs ausverkaufte und umjubelte Vorstellungen sowie eine Rekord ORF Übertragung mit fast 500.000 Zusehern brachten den gewünschten Erfolg.
Zwei Retterinnen der Oper?
Die Regie (Eric Genovese) welche abermals Buhrufe erhielt, wurde angesichts des „Gipfeltreffen der Opern-Diven“ (OÖN) wenig Beachtung geschenkt. Evelino Pido am Dirigentenpult lieferte eine recht passable Vorstellung- auch wenn das Staatsopernorchester bereits glanzvollere Stunden erlebte. Interessanter waren die Auftritte der beiden Starsängerinnen. Garanca sang die Rolle der Giovanna Seymour gewohnt souverän. Netrebkos Stimme hatte hingegen überraschend and tiefe und kälte gewonnen, die sie vor ihrer Schwangerschaft nicht besaß. Gesanglich auf höchstem Niveau, ließen die Interpretationen, vor allem jene von Netrebko (Anna Bolena), zu wünschen übrig. Die zwei Teile der Arie „Coppia iniqua“ waren nicht zu unterscheiden, „Giudici ad anna“ war musikalisch völlig verpatzt. Ein Fehler, auf den sie Pido hätte aufmerksam machen müssen. Einwandfrei war die Vorstellung der Elisabeth Kulman in der Hosenrolle des Pagen und von Ildebrando D`Arcangelo als Heinrich VIII.
Meyers Konzept ist klar. Durch das produzieren eines Hypes rund um 2 bis 3 Stars, soll die Wiener Oper massentauglich werden. Angesichts der erschreckend schnell fortschreitenden Grauhaarigkeit des Wiener Publikums keine allzu schlechte Idee. Schade nur, wenn dabei keine Rücksicht auf die musikalische und szenische Gestaltung, oder die Meinung eines Welser-Möst genommen wird.
Foto: Ali Schafler
last time modified: July 14, 2011, 2:55 p.m.

Comments