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Title Image Of Der letzte Fischer an der Côte d'Azur

Der letzte Fischer an der Côte d'Azur

In Brusc, Südfrankreich führt die Initiative "Pescatourisme" Touristen und den aussterbenden Berufs des Fischers zusammen.

Eine kühle Brise weht schon früh an der Küste. Dunkle Wolken erstrecken sich am Meereshorizont. In Brusc, einem malerischen, kleinen Dorf an der französischen Côte d’Azur, bricht ein Tag wie jeder andere an. Während viele noch gemächlich in ihren warmen Betten schlafen, mache ich mich auf den Weg zum Hafen von Brusc, genauer gesagt zum Fischerboot „Pirate II“. Dort erwartet mich Eric Feraud, 45 Jahre und von Beruf Fischer, der mich heute auf einen seiner gewöhnlichen Arbeitstage an Bord nimmt. Eric ist einer der Fischer am Mittelmeer, die an der seit kurzem ins Leben gerufenen Initiative „Pescatourisme“ teilnehmen. Dort können einfache Touristen um 60€ pro Person Fischer aus der Region bei ihrer Arbeit begleiten und so einen Einblick in dessen beruflichen Alltag nehmen. Sinn und Zweck dieser Initiative ist es, Touristen nicht nur mit ältesten Beruf der Welt vertraut zu machen, sondern auch gezielte Werbung für einen fast aussterbenden Beruf zu machen, dessen Durchschnittsalter mangels junger Nachkömmlinge bereits bei 45 Jahren liegt. Bei einem Fischerpensionsalter von 55 Jahren.

Das Fischerboot
„Sicher, dass du heute hinausfahren willst? Ich war schon draußen, und ich muss dich warnen, das Meer ist sehr unruhig heute“, sagt mir Eric, während er sein Equipment, Schwimmweste und Funktelefon, ins Boot stellt. An der Küste hat man nicht den Eindruck einer tobenden Naturgewalt. Fast idyllisch breitet sich das ruhige, dunkelblaue Wasser gen dem Horizont aus. Nur die verhängnisvoll dunklen Wolken lassen auf mögliche Wetterkapriolen schließen. Nichtsdestotrotz lasse ich mich vo n seiner Warnung beeindrucken und bekomme eine Schwimmweste in die Hand gedrückt. „Ich will ja nicht, dass du über Bord gehst“, lacht Feraud, ehe er den Motor der „Pirate II“ startet. Mehr schlecht als recht düst das klapprige Holzboot aus dem Hafen. Die schmächtige Statur erweckt zwar nicht den Anschein, meterhohen Wellen gewappnet sein, doch lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen.

Fischer Eric Feraud

Fischer Eric Feraud

Wie man Fischer wird
Gemählich kurvt das kleine Fischerboot Richtung Netze, die der 45-jährige Franzose bereits um fünf am Morgen ausgelegt hat. Eine halbe Stunde dauert es, vom Hafen zu den Netzen zu kommen. Zeit genug, die Kamera für ein paar Schnappschüsse rauszuholen und für Eric, ein wenig über sein Leben als Fischer zu plaudern. Seit 1987 ist er bereits leidenschaftlicher Fischer, wie schon seine Eltern vor ihm. Sein Vater hatte ihm die Grundlagen der Fischerei beigebracht, bevor er in Pension gegangen ist. Sein Werdegang zum Berufsfischer sei aber heute nicht mehr möglich, meint Feraud, da man ohne Fischerei-Diplom nicht mehr Fischer werden kann. Diese Ausbildung verlange viel Anstrengung und Zeit von den jungen Leuten, sodass daher der Mangel an jungem Nachwuchs in der Fischerei kommt. Noch dazu erfordere dieser Beruf einiges an körperlicher Arbeit, einen guten Orientierungssinn und die Fähigkeit, sich schnell auf wechselnde Wetter- und Meeresbedingungen einzustellen. Umfassende EU-Reglementierungen im Bereich der Länge und Konsistenz der Netze sind von heutigen Fischern auch zu beachten, erzählt der Mittelmeerfischer. Nicht zu vergessen eine bedingungslose Liebe für das Meer.

Gefährliche See
Je näher die „Pirate II“ sich Erics Netzen nähert, umso mehr bewahrheit sich seine Warnung am Hafen vorhin. Mehr als ein Meter hohe Wellen schwappen an die Reeling des Bootes, das gefährlich durch das tosende Wasser auf und ab schwankt. Spätestens jetzt bereue ich, gefrühstückt zu haben und kein Mittel gegen Seekrankheit eingenommen zu haben. Während der Magen sich mehr als einmal umdreht und das Boot nach einer tückischen Welle stark nach links schwenkt, verzieht Feraud keine Miene. Gekonnt steuert er erfahren sein Boot durch die tobende See, während seinem Passagier die See nicht sehr behagt. „Heute ist kein besonders schlimmes Wetter. Ich war schon bei viel schlechteren Bedingungen fischen“, ruft er mir entgegen, als wir uns seinen Netzen nähern. „Zwei Stunden dauert es, die Netze einzuholen. Hälst du es noch so lange aus?“, fragt er mich lachend, während der starke Wind das Meer weiter anpeitscht. Obwohl es Angenehmeres gibt, als zwei Stunden in der tosenden See in einem kleinen Boot zu warten, sage ich zu. Schließlich ist das Einholen der Netze einer der Hauptaufgaben des Fischers, die ich nicht verpassen will. Mit einem Rad an der Vorderseite des Bootes zieht er die Netze ins Boot, die ziemlich tief im Meer liegen.

Das Fischerboot "Pirate II"

Das Fischerboot "Pirate II"

Netze einholen
Schließlich ist es soweit. Während die Wellen das Boot hin- und herschaukeln, zeigt mir Eric den Platz, wo seine Netze liegen. Dabei legt er seine Netze (logischerweise) nicht immer am selben Punkt aus, da von heute auf morgen die Fläche nicht voller neuer Fische sein kann. Behutsam manövriert Feraud die „Pirate II“ seitlich zu den Netzen, um anschließend das Rad zu betätigen. Damit wird ein Netz nach dem anderen langsam, aber zügig ins Boot gezogen. Die Prozedur dauert, wie vorausgesagt, geschlagene zwei Stunden. Bei einer See, die der Bezeichnung Naturgewalt alle Ehre macht. Doch dann ist es vollbracht, und das Rad zieht das letzte Netz, das etwas tiefer liegt, ins Boot. „So, geschafft. Jetzt gehts wieder zurück zum Hafen. Schaut mir nach einem guten Fang aus“, sagt mir Eric, während er das Boot gen Hafen richtet. Während das Boot Richtung Hafen tuckert, beginnt der 45-jährige Fischer bereits, Fische aus den Netzen zu entfernen. Eine mühsame und umständliche Arbeit, die ein erhebliches Maß an Konzentration erfordert. Manche Fische sind bereits dermaßen in die Netze verheddert, dass es ein wahres Kunststück ist, sie davon zu trennen. Währenddessen erzählt mir Eric, dass ein unruhiges Meer nicht nur für unvorsichtige Touristen, sondern auch für erfahrene Fischer eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellt. Fischen ist für ihn einer der gefährlichsten Berufe, vor allem wenn man wie er alleine im Boot sitzt. Ein Sturz über Bord, schlechtes Handling der Netze, Verletzungen durch das Equipment (Rad) oder gesundheitliche Probleme sind Grund für die vielen Unfälle bei den Fischern.

Fischer als Zukunftsberuf?
Am Rückweg zum Hafen von Brusc erzählt Feraud weitere Anekdoten aus seinem Leben als Fischer. Davon, dass trotz Klimawandel und äußerst knapper Fischbestände die Fischerei (noch) ein lohnenswerter Beruf sei. „Den Fisch verkaufen wir teuer am Mittelmeer. So kann ich gut von meinem Beruf leben“, sagt er. Außerdem denkt er, dass es in Zukunft mehr kleine Fischer statt großen Fischfangflotten geben wird, da diese wegen strengen EU-Reglementierungen und Fangquoten mehr Schwierigkeiten hätten. Noch dazu gibt es in seinem Bereich noch genügend Fische (abgesehen vom aussterbenden Thunfisch), vor allem da exotische Fischarten aus anderen Meeren ins immer wärmer werdende Mittelmeer kommen und Fischarten wie zB der Riesenbarsch wieder zurückkehren. Des Weiteren profitiert er vom Umstand, dass er nicht die gleichen Fische wie die Großindustrie fängt und auch keine Quoten zu befolgen hat.

Der Fischfang wird fein säuberlich getrennt

Der Fischfang wird fein säuberlich getrennt

Tagesablauf eines Fischers
Angesprochen auf seinen Tagesablauf als Fischer sagt der 45-jährige, dass ein Arbeitstag meist um 4 Uhr in der Früh beginnt. Dann fährt man raus und holt die Netze ein, die man am Vorabend gelegt hat, und legt andere aus. Am Weg zum Hafen beginnt man bereits die Fische aus den Netzen zu entfernen, um sie dann frisch am Stand zu verkaufen. Dann fährt er nochmal hinaus, holt die Netze ein, kehrt zurück und verkauft seine letzte Ladung gegen Mittag. Schließlich legt er am Nachmittag wieder die Netze für den nächsten Tag aus. Ein recht gewöhnlicher 8-Stunden Tag, der jedoch ziemlich früh beginnt.

Fischsaison
Als die „Pirate II“ wieder in ruhigere Gewässer zurückkehrt, erzählt Eric von den verschiedenen Fischen, die über das ganze Jahr verteilt fängt. Im Winter landen meist Goldbrasse oder Riesenbarsch in seinen Netzen, während im Sommer sein Fischfang aus Goldbarsch und Rouget-Fisch besteht. Für ihn ist dabei der August der schlimmste Monat zum Fischen, da das Meer am wärmsten ist und die vielen Touristen seine Routen und Fangplätze stören. Im Herbst, in den Monaten September und Oktober, fängt er dafür am meisten. Oft kommt es aber auch neben der Saison auf die Tageszeit, den Wind und das Wetter an. Die größten Fische, die er in seiner langen Karriere gefangen hat, waren ein Hai, ein Barracuda, ein Gotteslachs sowie ein Rochen.

Frisch schmeckt der Fisch am Besten

Frisch schmeckt der Fisch am Besten

Ein Geflecht an Netzen
Als wir schließlich am Hafen andocken, bittet mich Feraud, gegen Mittag zum Hafen zurückzukehren, da er zu dieser Zeit mit seinen zwei Mitarbeitern die Fische aus dem Geflecht an Netzen entfernt, fein säuberlich in zwei Kisten trennt (eine Rouget, eine für die Fischsuppe und Provencespezialität Bouillabaise) und den Rest für die Möwen ins Meer wirft. Zur vereinbarten Uhrzeit kehre ich zurück und sehe, wie Eric und seine Kollegen bereits konzentriert und mit Fingerspitzengefühl die kleinen, in die Netze verhedderten Fische in die verschiedenen Kisten geben. Die Rouget-Fische wird er später beim Stand um 20€ den Kilo verkaufen, während die restlichen Fische für die Bouillabaise (zB eine Muräne) 10€ den Kilo kosten. Bei seinem Boot warten schon dutzende Schaulustige und Konsumenten und starren gebannt, wie die Männer den recht üppigen Fang sortieren und überflüssige Materien wie Algen und Seetang aus den Netzen entfernen. Dann reinigt und repariert einer seiner Kollegen die Netze, damit sie für den nächsten Meereseinsatz wieder bereit sind. Anschließend bringt Feraud und seine Kollegen die Fische zum Verkaufsstand, die hungrigen Konsumenten als kreisende Möwen im Schlepptau. Keine 10 Minuten dauert es, bis sein ganzer Fang an den Mann gebracht wurde. Ein recht erfolgreicher Tag für Eric Feraud, den 45-jährigen Fischer aus Brusc.

Was „Pescatourisme“ bringt
Die Initiative „Pescatourisme“ findet Eric eine sehr gute Idee, obwohl man nach so einer kurzen Zeit noch nicht wirklich die Auswirkungen messen kann. Das Einzige, was ihn daran stört, sind die sehr strengen Sicherheitsvorkehrungen, die er für Touristen treffen muss, inklusive Meldung bei der örtlichen Hafenpolizei. Dennoch meint er, dass sich diese Initiative für Fischer wie ihn auf jeden Fall lohnt. Sei es, um junge Leute auf den Geschmack der Fischerei zu bringen und so gegen einen aussterbenden Beruf anzukämpfen. Oder um Touristen die tobenden Gewalten des Mittelmeeres vor Augen zu führen. Fische fängt man natürlich auch.

Eine Reportage von schwarzweiss
© Fotos: schwarzweiss

last time modified: July 15, 2011, 9 a.m.

Comments

Julia Switak

Julia Switak BA Media Student

25/07/2011 · report · direct link · reply

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Das ich erst jetzt über diesen Artikel stolpere! Ein toller Beitrag, der einfach und verständlich die Freuden und die Schattenseiten, dieses leider aussterbendenden Berufsbildes aufzeigt. Weiter so und mehr davon (-:

ChuckUFarley

ChuckUFarley

07/07/2011 · report · direct link · reply

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Ich weiß nicht von wem dieser Terminus stammt, aber "nichtsdestotrotz" würde ich in weiteren Arbeiten vermeiden. "Nichts desto weniger" und "Trotzdem" sind dein Freund. ;)
Bis auf das aber eine sehr nett geschriebene Reportage! Herr Feraud erinnert mich an den "alten Mann und das Meer", sehr symphatisch!
Deinem Stil nach zu Urteilen scheinst du National Geographic zu lesen? :)
Wenn nicht, könnte dich dieses Magazin interessieren!

schwarzweiss

schwarzweiss

07/07/2011 · report · direct link · reply

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Aus Wikipedia: Nichtsdestotrotz entstand in der Studentensprache ursprünglich als scherzhaftes Kofferwort, indem die beiden gleichbedeutenden Wörter ,nichtsdestoweniger‘ und ,trotzdem‘ zu einem verschmolzen wurden. Es verbreitete sich im 19. und im Laufe des 20. Jahrhunderts bis in die Schriftsprache hinein.
Zwei Freunde ergeben also einen Feind ;). Dieses Wort ist ein kleiner Spleen von mir, ich verwende es wohl deshalb nur weil es so schön lang ist ;) Aber hast eigentlich recht, das Wort hemmt etwas den Lesefluss.
Zu deiner National Geographic Anmerkung: Ich bin eigentlich kein regelmäßiger Leser davon, interessant dass mein Stil diesem Magazin ähnelt. Ich werde mal deiner Empfehlung folgen und öfters diese Zeitschrift lesen :)

Tob

Tob

05/07/2011 · report · direct link · reply

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Hallo Schwarzweiss, habe deine Reportage gerade sehr interessiert gelesen - nicht nur weil ich schon von klein an einen starken Bezug zu Wasser generell, und zum Meer im speziellen hatte, sondern noch viel mehr weil ich mich das Thema Fischfang, bzw Fischbestände und unser Einfluss auf das Meer sehr beschäftigt - sicherlich auch, weil ich an der Nordsee aufgewachsen bin.

Passender Weise soll ja jetzt das offiziell das "Anthropozän" eingeführt werden, also das Zeitalter, das von den Menschen geprägt ist.

Und in dem wir innerhalb von nur drei Generationen einen herberen Einschnitt in das Gleichgewicht unseres Planeten verursacht haben, als in den 200.000 Jahren in denen wir schon diesen Planeten bevölkern.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte, ist dass ich es toll finde, dass so Leute wie Eric Feraud noch davon leben. Nicht nur "leben können", sondern offenbar auch noch immer "gut leben", so weit man diesen Terminus mit dem harten Leben auf See in Einklang bringen kann :)

Ich finde es jedenfalls sehr gut, dass es eben doch noch diese "kleinen" Fischer gibt und nicht alles von diesen riesigen industriellen Vernichtungsmaschinen zerpflügt wird.

Alles in allem, danke für den Beitrag, habe ihn schon weiterempfohlen :)

schwarzweiss

schwarzweiss

05/07/2011 · report · direct link · reply

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Danke fürs positive Feedback ;). Seh das ebenfalls so dass kleine Fischer wichtig für den Fischfang sind und daher eigentlich mehr Förderung erhalten sollten als die großindustriellen Fischfangflotten, die die Überfischung (besonders Thunfisch) extrem schnell vorantreiben und so das sensible Ökosystem Meer aus der Balance bringen.

Tob

Tob

06/07/2011 · report · direct link · reply

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Thunfisch, vor allem der Blaue Thunfisch, ist in der Tat bereits absolut am Limit.. Die unfassbaren Mengen die alleine in Sushi jeden Tag verschlungen werden übersteigen aber auch Gut und Böse!