Der Protest fährt Rad
Was die kritische Masse bewegt und bewegen will. Die Critical Mass in Wien.
- Culture Art
- 22/05/2011
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Es ist fünf Uhr Nachmittags am Wiener Schwarzenbergplatz. Bei strahlendem Sonnenschein haben sich etwa 600 Radfahrer mit ihren Rädern hier versammelt. Sie trinken Bier, plaudern und tanzen sogar zu Musik, die aus Boxen dringt. Die wurden extra auf Lastenrädern hierher mitgenommen. Was diese Leute hier wollen? Es ist der vorletzte Freitag im Monat Mai. Die Critical Mass von Wien findet wieder statt.
Einmal im Monat versammeln sich alle Radfahrer, die etwas dagegen haben ständig nur auf Radwegen fahren zu können und die breiten Straßen in Wien den Autos zu überlassen, zur Critical Mass. Zur kritischen Masse also, die die Autostraßen für sich beansprucht, den motorisierten Verkehr für kurze Zeit lahmlegt. Und die Menschen darauf aufmerksam macht, wie schön es ist, wenn nicht ständig stinkende und lärmende Autos die Straßen befahren. Das alles hat 1992 in San Francisco begonnen und sich in vielen Städten der Welt durchgesetzt.
Langsam fahren die Pedalritter die Straßen entlang. An den Seitenstraßen werden die Autos mit quergestellten Fahrrädern aufgehalten. Die Polizei hilft dabei. Auch den Polizisten auf ihren Motorrädern scheint es Spass zu machen, einmal dort zu fahren wo sie wollen. Welchen Weg diese Kolonne aus bunten Menschen und allen möglichen Formen von Fahrrädern nimmt, ist ungewiss. Das entscheiden die vordersten Radfahrer kurzfristig. Nur das Ziel ist bekannt: die Längenfeldgasse, wo der Abend mit Essen und Guerilla Gardening ausklingen wird. Bis dorthin wird einfach gemütlich gefahren und der Umstand genossen, frei auf den mehrspurigen Autostraßen zu fahren.
Die Leute stehen am Gehsteig und schauen, was da vorbeiradelt. Manche machen Fotos. "Wieviele kommen da bitte noch!" ruft ein Bub. Wenn die Autofahrer, gehindert an der Weiterfahrt, hupen, klingeln die Critical Mass-Teilnehmer, rufen und winken den Autos zu. Heute sind die Rollen vertauscht, die Straßen gehören den Radfahrern. Warum die Leute bei dieser friedlich- fröhlichen Protestaktion mitmachen, ist schnell erklärt: "Es ist eine gute Sache. Es müsste mehr Radwege geben. Und weniger Autos", sagt Malou. Die Luxemburgerin studiert seit sechs Jahren in Wien, bei einer Critical Mass ist sie das erste Mal dabei. Genau wie ihre jüngere Schwester Diane: "Ich wollte mir das mal anschauen. Und es war eine gute Idee". Die beiden Luxemburger Schwestern tragen immer Helme beim Radfahren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern. Hier hat kaum jemand ein Rad, dass allen Vorschriften genügt. Viele fahren auf Fixie-bikes. Das sind Räder mit nur einem Gang, ohne Rücktritt, ohne Bremsen. Manche Fahrräder sind auch selbstgebaut.
Es geht den Gürtel entlang, die Wienzeile hinauf bis zum Schloss Schönbrunn. Hier wird erst ein paar Mal im Kreis gefahren bevor man sich eine kleine Pause gönnt. Die Stimmung ist bestens. Wieder am Gürtel, wird beim Westbahnhof kehrtgemacht und in Richtung Längenfeld geradelt, es ist schon fast halb acht. Ein Autofahrer fährt, nachdem er nicht mehr blockiert wird, vorbei: "Ihr blöden Arschlöcher, ihr blockiert die Straßen!" Die Radfahrer lachen, klingeln und zeigen ihm den Mittelfinger. Alle fahren von der Straße ab und auf den Gürtelradweg. Das Ziel ist erreicht. Ein Traum geht zu Ende. Hinter den Radfahrern fahren wieder die langen Kolonnen der Autos, wie sonst immer. Bis nächsten Monat.
last time modified: July 14, 2011, 3:40 p.m.

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