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Vom Inzest-Monster zum Porno-Major

Tief unten in den alten Gemäuern der „Krone“- Redaktion sitzt an seinem Schreibtisch der Worterfinder. Hans Polterwein verbringt hier seine Arbeitstage und kreiert Wortpaare. Ein Arbeitsporträt.

„Man muss Gespür haben. Wenn ich Wörter erfinde, müssen sie nicht nur perfekt zur aktuellen Weltlage passen. Meine Kreationen müssen den Nerv des Zeitgeists treffen.“, sagt der stoppelbärtige Hans Polterwein zwischen zwei Zügen an seiner filterlosen Zigarette. Die genialen Überschriften der „Kronen Zeitung“ und die Berichte im Chronikteil kommen nicht einfach so aufs Papier. Die „Krone“ hat extra dafür diesen Mann angeheuert. In seinem Büro im Keller sitzt er, tüftelt und denkt. Gesellschaft leisten ihm nur seine Notizen, Zeitungsberge und ab und zu ein Achterl Rot.

Wenn man Überschriften liest, in denen „Porno-Major“ oder „Terror-Emir“ vorkommen, dann sind diese direkt Polterweins genialen Hirn entsprungen. Wortkreationen, die sich in das kollektive Bewusstsein der Österreicher und –innen brennen. Zusammengesetzte Nomen, über die man redet, die komplexe Sachverhalte in nur einem Wortpaar komprimieren.

Ohne ihn, den großen Wort- Kombinierer, wäre die „Krone“ nicht, was sie ist. Die meistgelesene Zeitung Österreichs. Zwar ist auch ein sehr guter Freund, der Lyriker Wolf Martin, sehr bewandert darin, aktuelle Geschehnisse in gediegene Reime zu fassen, doch der 63-jährige Kombinierer kann das ganze Blatt mit seiner schöpferischen Kraft durchziehen. Vom „Polit-Poker“ auf der Titelseite bis zu den Berichten über die „Serben-Mafia“ oder den immer wieder gern verwendeten „EU-Wahnsinn“.

 

Ein schwerer Job

„Für diese Kreationen habe ich lange suchen und herumprobieren müssen, bis sie mundgerecht für den Durchschnittsösterreicher waren.“ Er ist natürlich auch für das Gratisblatt „Heute“ zuständig. Dort verwendet er allgemein interessante Überschriften wie die "Sex- Mythen". „Meistens schreibe ich dort hinein, was ich auch in der Krone geschrieben habe, nur etwas spritziger und kompakter. Die Leserschaft ist ja fast dieselbe.", erklärt der gebürtige Wiener. Seine rotgeäderte Nasenspitze zuckt, wenn er spricht.

Bisweilen erledigt er auch Arbeit für „Österreich“, gegen gute Bezahlung natürlich. So kunstvoll wie für das Dichand- Imperium (er hat mir diese Kombination empfohlen) arbeitet Hans Polterwein beim Fellner- Blatt bei Weitem nicht. „Da verwende ich meistens zweitklassige Konstruktionen. Oft reicht auch das herrlich vielseitige ‚irre’ aus.“ Bei „Österreich“ ist diese Beschreibung dann tatsächlich auf vielen Seiten zu finden. „’Irre’ als Attribut passt zu allem Möglichen.“, weiß der Mann mit der schütteren Halbglatze. Aber auch in „Österreich“ kann man manches Schmankerl finden. Der „Waldmensch“ zum Beispiel oder der "Todes-Reaktor"  auf der Titelseite stammen aus seiner Feder.

 

Unverzichtbar

Einfach ist sein Job trotz aller Privilegien, die er bei der „Kronen Zeitung“ genießt, nicht. „Genau Bescheid wissen über Alles, was vor sich geht, ist ein Muss! Vor allem bei Morden oder sonstigen schweren Verbrechen muss ich dranbleiben und möglichst schnell geeignete Vokabeln finden.“ Dabei muss er immer darauf achten, was den Leuten gefällt. „Inzest-Monster“ ist natürlich ein Evergreen. Vor allem, weil es gekonnt das „Inzest-Drama“ konterkariert. Darauf ist er zu recht stolz. Eher alltäglich sind da „EU-Prügel“, gern verwendet er diesen Terminus im Zusammenhang mit "Spesen-Explosionen". Zur Jahreszeit passend hat er auch den „Mega-Weihnachtsbaum“ herbeigezaubert. Ohnehin schon an der Tagesordnung stehen „Wahnsinns-Urteile“.

„Ich denke mich in die Österreicher hinein, wie ein Top-Profiler. Es geht ja vor allem darum, das in Worte zu fassen, was die Leute denken. Sie haben zwar ein dumpfes Gefühl, was Geschehnisse betrifft, und wollen sie benennen.“, erklärt Hans Polterwein, „Aber selber können sie das nicht. Da komm ich ins Spiel.“ Es ist seine Lebensaufgabe, wohlgesetzte Wörter zu finden, die genau die Kernbotschaft eines Artikels transportieren und die Gedanken der Bürger treffend nachvollziehen. Hinter jedem Wortpaar steht harte Denkarbeit. Sein Job ist unverzichtbar für Österreich. Gäbe es ihn nicht, müsste man ihn erfinden.

 

 

 

 

Er wurde auch erfunden. von

Muckraker

last time modified: Dec. 24, 2011, 4:13 p.m.

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