Die Borniertheit der Blindheit
Eine Rede an den Menschen
- Creative Writing Blogging
- 12/03/2011
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Bekennst du, Mensch, dich wahrhaftig und ehrlich dazu, dass du zu jeder Zeit die volle Verantwortung für dein Handeln, dein Denken, dein Fühlen und deine Sicht der Dinge übernimmst? Ja? Kannst du auch immer sehen, was dein Handeln, dein Denken, dein Fühlen und deine Sicht der Dinge wirklich beinhaltet? Nicht so sicher? Erkennst du deine eigenen Schwächen deutlicher als die von anderen? Du hast gar keine? Kannst du nicht sehen, dass Schwächen die wahren Stärken sind?
Doch ohne Erkennen ist ein Bekennen nichts wert.
Ich sehe schon lange, wo deine Defizite liegen. Ich kann das sagen, denn ich habe mich selbst endlich kennen gelernt. Deshalb kenne ich meine Defizite sehr genau. Es stimmt völlig, was du von mir sagst, dass ich nirgendwo hin passe. Das sagst du aber nicht in dem Ton, dass du es akzeptierst, in liebevollem Verstehen und Erkennen, sondern in der Vorwurfshaltung, die sagt, dass es dir schlecht geht, weil ich so bin wie ich bin. Nein, soll ich dir mal sagen, wie es wirklich ist? Ich passe nirgendwo hin, weil ich authentisch bin. Und damit passe ich wieder überall hin. Du dagegen bist angepasst und funktionierst in deinen gelernten Verhaltensmustern. Damit passt du genau da hin, wo du bist: In deine Ursprungsfamilie, wo du immer noch die Rolle der braven Tochter, des kleinen Bruders oder des Stammhalters spielst. In deinem Beruf bist du der oder die, der/die immer das tat, was man von ihm/ihr erwartet hat. Da passt du hin. Aber sonst nirgendwo.
In einer kranken Gesellschaft angepasst zu ein, ist ungesund. Du aber tust alles, genau so krank zu sein wie sie. Nur damit du dazu gehörst. Kein Wunder, denn du bist die Gesellschaft. Du tust nichts dafür, gesund zu werden. Wie ein Alkoholiker, der seine Krankheit leugnet, bis seine Leberwerte nicht mehr 'runterzutherapieren sind und die Zirrhose unheilbar wird. Wer stromlinienförmig im Mainstream mitschwimmt, hat zwar ein leichtes, dafür sinnentleertes Leben. Du wirst niemals reif und authentisch werden, weil du nicht gelernt hast, deine eigenen Überzeugungen und Ansichten zu bilden und deine Wahrheiten zu erkennen. Wie auch? Du vertrittst die Überzeugungen und Ansichten der Gesellschaft. Sie wurden dir immer vorgegeben. Schon das Elternhaus hat es dir eingebleut. Eine übergriffige Mutter, ein dominanter Vater, und schon ist das Kind gewohnt, das zu tun, was man ihm sagt. Aber sonst nichts. Je mehr Verantwortung dir bis ins Erwachsenenalter abgenommen wurde, desto schwerer fällt es dir, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln, die in der Lage ist, wirkliche echte Verantwortung für dich und deine Mitmenschen zu übernehmen. Das gilt auch für dich, der/die du eine schwache Mutter und einen nicht anwesenden Vater hattest. Du hast die Verantwortung für die ganze Menschheit übernommen. Aber nicht für dich. Weil es sonst niemand tat.
Ich weiß, dass du nicht glücklich bist. Du begehrst auf gegen dein aufgezwungenes Gefängnis, das mit den Jahren immer mehr zu deinem eigenen inneren Käfig wurde. Dass es aus deiner Kindheit stammt, ist dir nicht bewusst. Die Kräfte wirken aus deinem Inneren. Du kannst nichts dagegen tun, solange dir diese Tatsache nicht bewusst ist. Du spürst immer nur ein dumpfes Unbehagen und handelst in einer Weise, die dich selbst manchmal erschrecken mag. In Spotlights bekommst du mit, dass irgendwas ganz und gar nicht stimmt. Du bist aggressiv, ungerecht, verurteilend, sogar gewalttätig. Denn du machst deine Mitmenschen für dein Elend verantwortlich. Irgendwo ahnst du es, aber das lässt du nicht an dich heran kommen. Es würde bedeuten, den Schmerz aus deinen Defiziten neu erleben und auszuhalten zu müssen. Und je größer dieser ist, desto mehr wirst du ihn abwehren und verleugnen.
Manchmal bekommst du Spiegel vorgehalten, in denen du das ganze Ausmaß deiner Wahrheit sehen kannst. Die Fratze, die du darin siehst, erschreckt dich sehr und du wirst leugnen, dass sie dein Abbild sein soll. Lieber machst du dir Abbilder deiner Mitmenschen und sagst, sie sind es, die du in dem Spiegel erblickt hast. Je näher dir diese Menschen stehen, desto eher machst du sie für dein schreckliches Spiegelbild verantwortlich, denn sie sind dein deutlichster Spiegel. Aber weil du es nicht erträgst, dein Spiegelbild, machst du den Spiegel kaputt oder verhüllst ihn oder gehst einfach von ihm weg. Schon geht es dir besser. Aber nur vorübergehend. Denn du weißt in deinem Innersten, dass du dich nur wieder deiner Verantwortung nicht gestellt hast.
Ich kann es sehen. Denn ich bin wie du.
Es ist Zeit, das zu ändern.
O Mensch, bewein dein Sünde groß.
last time modified: July 15, 2011, 2:25 p.m.

Comments
Stefan Münz
12/03/2011 · report · direct link · reply
Du haust ja ganz schön rein hier! Fühle mich ertappt wie ein kleines Kind! :-)
Suedelbien
12/03/2011 · report · direct link · reply
Genau so war mein Artikel auch gedacht :-)