Die Todesstiege
Ein Gang durch das ehemalige KZ Mauthausen
- Politics & World Affairs Education
- 31/05/2011
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Die Todesstiege
Der Tag ist düster. Graue, schwere Wolken verhängen den Himmel und lassen wenig Sonnenlicht zu. Das Wetter passt zu unserem Ziel. Im Bus war die Stimmung noch gut und heiter. Seit wir das Tor durchschritten haben, wird nur wenig und wenn, dann leise geredet. Die dicken Steinmauern sind mit Stacheldraht am oberen Ende gesichert, durch den früher auch Starkstrom floss. Ausbrechen unmöglich, auch für uns. Der Ort hat seine Besucher in einen Bann gezogen.
Gleich neben dem Eingangstor, vor der Wäschereibaracke, ist ein kleiner Platz. Hier mussten sich die neu angekommenen Häftlinge mit dem Gesicht zur Mauer aufstellen und sich den Schlägen der Wachen aussetzten. Im Lagerjargon war diese Stelle als „Klagemauer“ bekannt und berüchtigt. Die SS wollte durch diesen „Aufnahmeschock“ einen schnellen und permanenten Zustand der Angst und Verunsicherung unter den Häftlingen erreichen.
Die Gebäude des Lagers haben sechs Jahrzehnte gut überstanden. Das verstärkt den Eindruck dessen, was hier einst geschehen ist. Je manifester dieser Ort, desto eindringlicher seine Vergangenheit.
Die Wände sind voll mit Informationstafeln die den Lageralltag genau beschreiben. Obwohl wir bereits Bilder gesehen hatten, treffen diese mit voller Wucht auf seine Betrachter. Was wir auf ihnen sehen, geschah genau hier wo wir jetzt stehen, versuchen zu lernen und aufzuarbeiten. Wir betreten die Gaskammer. Über uns hängen noch immer die alten Rohre und Duschköpfe. 3455 Menschen wurden in diesem Raum mit „Zyklon B“ vergast.
Die Klasse geht auf dem Weg zwischen den Baracken und macht eine Pause auf dem zentralen Appellplatz des einstigen KZ Mauthausen. Die Häftlinge mussten stunden- und manchmal tagelang stehen und exerzieren. Auch Hinrichtungen fanden hier offen statt. Heute sind an dieser Stelle Gedenktafeln angebracht.
Je länger ich an diesem Ort bin, desto mehr fließt davon in mich ein; desto schwerer drückt dessen Last auf meine Brust. Alle Eindrücke sind intensiver und einprägender. Ich höre die Stille wenn ich stehen bleibe, sehe alles was um mich herum passiert. „Alle Sinne die ich verspüre...“. Dieser Gedanke beschäftigt mich seit unserer Ankunft. „Alles hier hat jemand wahrgenommen, ein Mensch wie ich, der an diesem Ort auf grausamste Weise gestorben ist.“ Ich trete auf Pfaden, die gesäumt sind mit Leichen und mir schießen ständig diese Bilder durch den Kopf. „Meine beste Freundin ist körperlich behindert. Was hätte...“ Ich will den Gedanken nicht weiter denken. Das wäre zu viel!
Wir gehen jetzt zur Todesstiege. Mauthausen war geplant und konzipiert nicht um die Menschen so rasch wie möglich zu vernichten wie in Ausschwitz. Die Häftlinge sollten zerstört, ihre Würde gebrochen, ihre Arbeitskraft ausgebeutet und so qualvoll wie möglich umgebracht werden. Zu diesem Zweck übernahmen die Nazis den Steinbruch „Wiener Graben“ welcher ursprünglich der Stadt Wien gehörte und sich ein wenig außerhalb des Lagers befand. Hier mussten Häftlinge Granit aus dem Fels treiben und die Brocken über eine ca. 5 Meter breite Stiege nach oben schleppen. 186 Stufen, 31 Höhenmeter.
Ich steige die Treppe hinunter in den Steinbruch. Wenn die Gefangen hier abstiegen, machten sich die SS-Aufseher oft „einen Spaß daraus“, die letzten Reihen der Kolonne hinunter zu stoßen, sodass sie ihre Mithäftlinge mitrissen und in einem Menschenknäuel am Fuß der Stiege aufschlugen.
Ich stehe jetzt im Steinbruch. Pflanzen und Bäume beanspruchen den Platz langsam wieder zurück. Auch hier herrscht Totenstille. Keiner in der Klasse will jetzt reden. Nach ein paar Metern drehe ich mich langsam um und schaue wieder zur Stiege. Daneben erstreckt sich eine fast senkrechte, 50 Meter hohe Felswand. An ihrem Fuß ist ein Teich. Es sieht nicht so aus aber er ist einige Meter tief. Auch an dieser Felswand starben unzählige Menschen. Sie wurden heruntergestoßen oder sprangen freiwillig um den anhaltenden Torturen zu entgehen. Entweder wurden sie von den Felsen zerschmettert oder sie ertranken. Die SS nannte sie die Fallschirmspringer.
Diese Wände sind schweigende Zeugen. Selbst der kalte Fels hat etwas Bedrückendes an sich.
Ich gehe wieder zurück zur Stiege. An der ersten Stufe bleibe ich stehen und blicke hinauf. Der Aufgang wurde renoviert. Neben mir entdecke ich eine Inschrift: „Ihre heute gleichmäßigen und normal hohen Stufen waren zur Zeit des Konzentrationslagers willkürlich aneinandergereihte, ungleich große Felsbrocken der verschiedensten Formen. Die oft einen halben Meter hohen Felsbrocken erforderten beim Steigen größte Kraftanstrengung.“
Ich beginne meinen Aufstieg. Ganz langsam. Jeder Schritt prägt sich ein wie ein schmerzhafter Schlag. Rechts sehe ich die Fallschirmspringerwand. Plötzlich wird mir klar. Ich schleppe meinen eigenen Stein diese Treppe hinauf. Der Schmerz drückt mich unbarmherzig zu Boden; zieht mich hinunter.
Wer nicht mehr konnte, brach zusammen und verreckte erbärmlich unter den Schlägen der Wärter. Diese Stiege macht mich, jeden zum Häftling. Auch sie schlägt auf dich ein und zieht dich hinunter. Gnadenlos, erdrückend! 186 Stufen!
last time modified: July 14, 2011, 8:20 p.m.








Comments
Stefan Münz
31/05/2011 · report · direct link · reply
Uff!
Bist du SchülerIn der Klasse, die das KZ besucht hat? Wenn ja, dann tuts mir leid für deine Lehrer. Denn die können dir nur die beste Note geben. Das hier aber hat weit mehr verdient!
Der_Stein
31/05/2011 · report · direct link · reply
wow, vielen dank! nein ich war einmal mit meiner schulklasse dort! das ist aber schon ein wenig her... hab den Text aus meiner Erinnerung und mit Hilfe der Seite, die ich verlinkt hab, geschrieben.