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Die Verantwortlichkeit für die Sicht der Dinge

Weggedanken zum Thema Standpunkt

Im Laufe der letzten Jahre musste ich mir immer wieder ins Bewusstsein holen, dass ich eine ganz eigene Sicht meiner Umwelt habe. Und diese Sicht ist immer nur eine, nämlich meine ganz persönliche. So, wie ich meine Umwelt in diesem Moment wahrnehme, so nehme nur ich und zwar hier und jetzt sie wahr, von dem Standpunkt aus gesehen, auf dem ich gerade stehe.

Doch wie komme ich eigentlich zu diesem Standpunkt? Wie lange stehe ich hier schon? Schon immer? Muss ich hier eigentlich stehen? Kann ich mich denn fortbewegen, den Standpunkt wechseln? Geht das und will ich das überhaupt? Oder bin ich für alle Ewigkeiten hier festgenagelt? Und: Ist dieser Standpunkt der einzig richtige? Mein Standpunkt? Und was haben eigentlich die anderen für Standpunkte? Das kann mir doch eigentlich egal sein, denn ich habe ja meinen für mich einzig richtigen. Oder?

So habe ich es mal gelernt. Sei so und so, mach dies und das, das ist richtig, das ist falsch. Ich stehe auf einem Standpunkt und unsichtbare Seile und Pflöcke halten mich an Ort und Stelle. Diese Seile sind nichts anderes als all die Überzeugungen, Verhaltensmuster und Denkweisen, an die ich mich gewöhnt habe und die mir Sicherheit geben. Solange ich so fest verankert hier auf meinem Standpunkt stehe, so lange kann mich nichts umwerfen, bin ich sicher. Solange, bis die o.g. Fragen im mir auftauchen. Dann fangen die Seile und Pflöcke an, sich zu lockern, brüchig zu werden, dann reißt eines nach dem anderen und ich verliere möglicherweise den Halt. Ich kann auf diesem Standpunkt nicht mehr sicher stehen, ich kann hinfallen, sogar in ein tiefes Loch. Und nun? Was mache ich nun? Ich bin verloren!

Plötzlich bin ich angreifbar geworden. Die anderen mit ihren Standpunkten und Sichtweisen kommen mir bedrohlich nahe. Verzweifelt halte ich fest an meinem Standpunkt, obwohl der sich längst zu einem Loch gewandelt und keinen Bestand mehr hat. Die anderen sind Schuld an meiner bedrohlichen Lage, die haben ja alle selber einzig richtige Standpunkte und wollen sie mir nur überstülpen!

Ganz langsam und mühsam klettere ich wieder aus meinem Loch heraus. Ich suche mir einen neuen Standpunkt. Irgendwann gelingt es mir, aufzustehen, ich stehe noch wackelig und verteidige meinen neuen Standpunkt gegen die der anderen. Doch ich begreife langsam: Auch dieser neue Standpunkt ist nicht in Stein gemeißelt, ich bin nicht darauf festgenagelt. Ich kann jederzeit den Standpunkt, die Lage, die Sicht wechseln. Ich kann meine Sicht der Dinge also verändern. Und ich muss mich gar nicht gegen die Sicht der anderen verteigigen, denn ich kann sie akzeptieren und bei den anderen belassen. Denn was für mich gilt, das gilt auch für alle anderen. Die anderen können sich auf allen Entwicklungsstufen befinden, auf denen ich selbst mich mal befunden habe oder auf ganz anderen oder höheren. Das macht es mir leicht, gelassen mit meiner Umwelt umzugehen und sie als einen Spiegel meines Inneren zu betrachten. Nur das befähigt mich, meine Sicht der Dinge ständig zu reflektieren und zu korrigieren. Allerdings kann es dabei manchmal passieren, dass ich Dinge persönlich nehme, die vielleicht gar nicht so gemeint waren. Es ist ein ständiger Balanceakt, doch eines ist sicher:

Ich allein trage für meine Sicht der Dinge die volle Verantwortung.

last time modified: July 15, 2011, 10:50 a.m.

Comments

Robert Harsieber

Robert Harsieber

13/05/2011 · report · direct link · reply

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Einen Standpunkt zu haben und ihn auch zu vertreten ist notwendig. Ihn zu verändern ergibt sich schon daraus, dass wir uns weiter entwickeln. Wer auf „ewig“ auf seinem Standpunkt beharrt, hat sich eigentlich aus der Welt verabschiedet, die ändert sich nämlich ständig.
War es nicht Archimedes, der gesagt hat: „Gebt mir einen fixen Punkt und ich hebe die Welt aus den Angeln.“ Die Welt steht noch, weil sie dynamisch ist und weil es diesen Fixpunkt nicht gibt.

Suedelbien

Suedelbien

18/05/2011 · report · direct link · reply

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In meiner persönlichen Entwicklung musste ich (nicht ohne Schmerzen) lernen, meinen Standpunkt erstens zu erkennen, zweitens ihn zu vertreten, drittens ihn in Frage zu stellen und viertens ihn zu wechseln.
Heute fällt es mir leicht(er), meine Sicht der Dinge immer wieder zu überprüfen, denn mein Standpunkt ist nicht mehr fest verankert in falschen Überzeugungen, wie er es vielleicht früher war.
Es ist aber auch eine Tatsache, dass der Mensch grundsätzlich Angst hat vor Veränderungen. Dass die Welt sich ständig ändert, weiß er, aber so ganz wahrhaben will er es nicht. Das ist erkennbar an der Ignoranz an Möglichkeiten, die sich theoretisch ergeben können, aber noch nie eingetroffen sind. Die Ereignisse der Vergangenheit werden als Maßstab bemüht, nicht das, was die Welt in ihrer Veränderlichkeit vielleicht noch zu bieten hat.
Der fixe Punkt ist ja immer wieder mal herbeigesehnt worden, selbst Einstein wollte damals nichts wissen von Heisenbergs Unschärferelation, weil er überzeugt war, dass Gott nicht würfelt. Und er tut es doch ;-)

Nussgipfel

Nussgipfel

13/03/2011 · report · direct link · reply

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Ich finde, dass gerade die Möglichkeit, seinen Standpunkt zu verändern, eine sehr wichtige und positive Eingenschaft ist. Es ist jedoch auch eine Gratwanderung. Wer immer gleich seine Meinung ändert, "Fähnchen im Wind ist", mit dem kann man auch nicht vernünftig interagieren. (Oder wie seht ihr das?)

Suedelbien

Suedelbien

13/03/2011 · report · direct link · reply

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Das sehe ich ganz klar: Wer immer nur sein Fähnchen in den Wind hängt, übernimmt keine Verantwortung für seinen Standpunkt, sondern macht ihn abhängig von den Ansichten anderer. Wer eine Meinung hat, diese aber durch Nachdenken und Abwägen ändert, der hat seinen Standpunkt damit selbstverantwortlich verändert.

Nussgipfel

Nussgipfel

13/03/2011 · report · direct link · reply

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Natürlich kann man sagen, dass man für seinen Standpunkt "selbst verantwortlich" sei, dennoch denke ich, dass jeder Standpunkt durch Determination bedingt ist und demzufolge auch die Umwelt für ein Beharren oder ein Abweichen eines jeglichen Standpunktes verantwortlich gemacht werden kann.

Suedelbien

Suedelbien

13/03/2011 · report · direct link · reply

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Sagen wir mal so: Die Umwelt hat natürlich einen Einfluss darauf. Aber wie weit ich diesen Einfluss auf mich einwirken lasse, bleibt meine Entscheidung. Die Verantwortlichkeit liegt also ganz bei mir.