„Geräusch vorausnehmen!“ – genug der miesen Synchronisationen!
Ein Manifest gegen die Synchronisation und für die Original-Sprache in Film, Fernsehen und Kino. Und überhaupt.
- Politics & World Affairs International
- 10/08/2010
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In erster Linie versteht man unter Synchronisation die lippensynchrone Nachvertonung eines ausländischen Films in eine anderen Sprache durch Synchronsprecher. Damit auch denen, die hier voller Hoffnung auf eine Anleitung zum einwandfreien IPhone-ITunes Sync gelandet sind, klar ist worum es nicht geht.
Die Synchronisation von Filmen ist ein heikles Thema.
Eine Synchronisation stellt in jedem Fall eine Interpretation dar. Der Übersetzer interpretiert das Werk des Drehbuch-Autoren, damit auch oft das des Regisseuren. Beim Übersetzten gehen Pointen verloren, es schleichen sich Fehler ein und sogar die Handlung mancher Filme wird ad absurdum geführt.
Wo die Pointen verloren gehen ist klar, hoffe ich. Man kann ja nicht jeden Witz eins zu eins in eine andere Sprache übersetzten. Doch in wie fern schleichen sich Fehler ein? Nun, einfache Übersetzungs-Fehler sind erstaunlich häufig. In "Blade Runner" gibt es ein schönes Beispiel: Ein Ausruf in der deutschen Übersetzung: „Mach mir davon eine feste Kopie“ (Hardcopy bedeutet aber Papier-Ausdruck). Oder in "Jagt auf Roter Oktober", die Situation ist folgende: Der Kapitän leitet ein waghalsiges Manöver ein und gibt den Befehl, das Signal „Sound collision!“ erklingen zu lassen, um seine Mannschaft vorzubereiten. Sinngemäß: „Warnsignal für Kollision!“ Übersetzt wurde es mit: „Geräusch vorausnehmen!“ Wie.. Geräusch was..?
Und ad absurdum geführt werden auch Szenen wie zum Beispiel aus "Stirb Langsam". Im englischen Original sind die Terroristen Europäer, darunter viele Deutsche. Dieses kleine Detail kann man ja übersehen, verwirrend wird es aber, wenn die im Film versammelten Terroristen ihre Pläne offen vor den Geiseln diskutieren. Und die anschließend keine Ahnung davon haben. Nun, im Original tun sie das auch auf Deutsch, daher verstehen die englischsprachigen Geiseln halt nichts.
Ganz abgesehen davon wurden Synchronisationen ganz direkt benutzt, um Filme zu verändern. So verfolgt John Wayne in "Big Jim McLain" im Original Kommunisten. Und jagt in der deutschsprachigen Synchronfassung einem Marihuana-Schmugglerring nach. Oder die Nazis in der ersten deutschen Fassung von Casablanca. Die sind plötzlich nur noch schnöde Ganoven. Alle Szenen mit Major Strasser und den anderen Nazis wurden herausgeschnitten. Victor László wurde zu Victor Larsen, einem norwegischen Atomphysiker, der die rätselhaften "Delta-Strahlen" entdeckt hat. Man wollte halt dem Publikum nicht zu viel zumuten. Oder so. Man kann doch auch nicht einfach - bildlich gesprochen - gelben Lack auf ein Öl-Gemälde sprayen, damit es Asiaten besser gefällt.
Wir sind uns also einig, dass ein Film in Originalsprache, ob man es nun als künstlerisches Werk oder als seichte Unterhaltung betrachtet, qualitativ hochwertiger ist, als die Interpretation irgendeines unterbezahlten deutschen Schmierfinks. Sei das nun aus sprachlicher, inhaltlicher oder schlicht stilistischer Sichtweise. Doch das ist gar nicht mein Hauptkritik-Punkt.
Wann begann denn dieses Übel?
Ihre Ursprünge findet diese Praxis in den dreißiger Jahren. Da die Technik damals noch keine nachträgliche Bearbeitung der Tonspur gestattete, mussten die ersten mehrsprachigen Filme zwangsläufig doppelt gedreht werden. Wie der österreichische Film aus dem Jahr 1933, Leise flehen meine Lieder, der ein Jahr später in englischer Fassung und mit etwas abgewandelter Besetzung erschien. Unvorstellbar für die heute Zeit ist auch, dass manche Filme gleich bei ihrer Produktion mit verschiedenen Darstellern, die die Szenen noch im Setting nacheinander spielten, gedreht wurden. Wie beispielsweise der deutsche Hans Albers-Film „F.P.1 antwortet nicht“ aus dem Jahre 1932 mit französischen und deutschen Schauspielern.
Heutzutage werden dank der Entwicklung von Mehrspurrekordern, Dialoge, Geräusche und Musik getrennt auf einzelnen Spuren aufgezeichnet, und erst zum Schluss vermischt. International wird dann nur noch die originale Dialog-Spur gegen eine jeweils landestypische Studio-Aufnahme ausgewechselt. Obwohl die anderen Spuren mitgeliefert werden, ist es trotzdem nicht unüblich, noch etwas herumzupanschen, was die Lautstärke oder die Diskanz der Geräusche angeht. Um dem vermeintlich unterschiedlichen Geschmack des Publikums nachzukommen, versteht sich.
Ein großer Fortschritt auf diesem Gebiet war der Zweikanal-Ton. Diese Technik ermöglicht es zwei verschiedene Tonspuren gleichzeitig zu senden. Auch der Österreichische Rundfunk macht im Digital-Fernsehen davon Gebrauch. Man kann also theoretisch in seinem Lieblingssessel zu Hause sein Abendprogramm empfangen, und je nach gut dünken zwischen Deutsch und Originalsprache umschalten.
International
In vielen Ländern der Welt, wie Island, Schweden, Portugal, Norwegen, Dänemark, Finnland oder den meisten spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas ist es noch immer üblich Fernsehen und Kino in Originalsprache mit Untertiteln zu präsentieren. Ausnahme ist fast ausschließlich das Kinderprogramm. Vor allem Zeichentrickfilme, Walt Disney Filme sowie Fantasy-Filme werden übersetzt.
Ansonsten hat sich in allen großen Sprachregionen, wie Frankreich, Spanien, Russland, China oder Indien der Trend zur Synchronisation durchgesetzt. Mit unterschiedlichen Methoden: So wird im staatlichen Fernsehen der Türkei häufig und penibel in eine Art Hochsprache übersetzt, die im sprachlichen Gebrauch eigentlich unüblich ist. Und China wiederum nutzt die Synchronisation auch mal als ein Mittel zur Zensur.
Der deutschsprachige Raum
In Deutschland und Österreich werden nahezu alle fremdsprachigen Filme und Serien synchronisiert. Der alten Tradition entsprechend, sind wir sogar teilweise seit Jahrzehnten an gewisse Stimmen gewöhnt: An zum Beispiel Gert Günther Hoffmann für Sean Connery. Aber auch an Mischlinge wie auch Paul Newman und Lex Barker oder Christian Brückner für Robert de Niro.
Die Synchronisation ins Deutsche, wird manchmal als die Beste der Welt bezeichnet. Einfach weil wir hier das meiste Geld dafür ausgeben. Der Bundesverbandes Deutscher Synchronproduzenten (BVDSP) schätzt das Gesamtvolumen der Branche um 90 - 100 Millionen € pro Jahr.
Aus naheliegenden Gründen verzichtet man in Österreich großteils auf eigenen Übersetzungen, und verwendet die deutschen Fassungen. Es gibt aber auch Ausnahmen, die sich hauptsächlich auf Kinderfilme beschränken. Den Disney-Film Arielle, die Meerjungfrau gab es letzten Endes gar zweimal auf österreichisch. Als der Film 1998 neu erschienen ist, gab es eine spezielle Kinofassung auf Wienerisch wo Ursula die Meerhexe von Jazz Gitti synchronisiert wurde. Diese Fassung gab es aber leider nie auf DVD oder VHS. Auch für Shrek 2 oder Cars gibt es eigene Österreich Variante, in der ein Paar der Charakter extra besprochen werden.
Das negativste Kriterium
Mein Hauptkritik-Punkt braucht nämlich den länderspezifischen Vergleich. Es geht um etwas, dass sich auch mit dem Begriff "Bildungsauftrag" beschreiben lässt.
Warum sprechen die Schweden so wahnsinnig gut englisch? Anders gesagt, warum sind die Österreicher verhältnismäßig so peinlich schlecht darin? Und komm mir jetzt bitte nicht der Aussage, dass ich im Unrecht sei, dass Österreicher eigentlich super englisch sprechen! Betrachten wir einfach den Anteil der Bevölkerung der Englisch als Fremdsprache spricht, und zwar unabhängig vom Sprachniveau, nach dem Eurobarometer 63.4 aus dem Jahre 2005. Österreichs Bevölkerung schafft es auf 53 %.
Dagegen kommt Finland auf 60 % und Dänermark auf 83 %. Oder Schweden sogar auf 85 %.
Ja, natürlich, die Italiener kommen nur auf 29 %. Aber wollen wir uns wirklich, mit einem der für Fremdsprachen unempfänglichsten Länder der Welt vergleichen? Die Türkei - immerhin E.U.-Beitrittskandidat - schafft es übrigens auf 18 %, obwohl dort viele Filme und Serien Original mit Untertitel ausgestrahlt werden.
Stell dir einmal vor, welchen gewaltigen Unterschied es machen würde, wenn du all die Filme, Serien, Reportagen, Nachrichten, Telenovelas, Sitcoms... auf englisch gesehen hättest? Wenn die Kinder in Österreich mit den ersten interessanten Filmen anfingen Englisch zu lernen? Dabei gleichzeitig, logischerweise, ihre Lesefähigkeit dank der Untertitel in Muttersprache, die auch in all den aufgezählten Ländern nicht fehlen, verbessern würden?
Es ist also nicht nur der Film und die Serie auf Englisch qualitativ hochwertiger - nein, sie bilden auch noch. Und dennoch muss ich quer durch die Stadt fahren, um den Kinofilm in Originalsprache sehen zu können. Das neu erbaute Village hat zwar doppelt und dreifach so viele Säle wie das kleine Artis, aber einen Film (auch?) im Original auszustrahlen, fiel ihnen nicht ein. Aber zum Glück haben wir ja jetzt den Zweikanal-Ton! Wie nett vom ORF die Grey´s Anatomy Folge um 20:15 auch auf englisch auszustrahlen. Aber die Folge um 16:30 nicht. Leider fand ich keine zuverlässige Statistik dazu, aber meinem Empfinden nach ist die Option bei ca 6 % des ORF-Programms verfügbar. Und bei dem Großteil der anderen Sendern einfach nicht vorhanden. Stell dir vor, die Sender würden sogar Geld sparen - die Übersetzung einer Serie kostet im Schnitt 60.000 €.
Falls dir Etwas an diesem Thema liegt, stehst du nicht allein. Joine doch auf Facebook der Gruppe Komitee für mehr Originalfassungen im ORF!
last time modified: July 14, 2011, 10:20 a.m.

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