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Im wächsernen Angesicht des Bösen

Die dunklen Machenschaften von Madame Tussaud - Ein Schreckensbericht, der dir 18,50€ erspart.

Kalte, tote Augen. Sie sind überall. Ausdruckslos starren sie mich an. Sie blinzeln niemals. Durch die Augäpfel werden rote Fäden gezogen, um sie lebensechter erscheinen zu lassen. Jedes Haar an ihren Körpern stammt von Indern. Weil man mit deren Haaren angeblich am besten arbeiten kann. Oder weil die Inder das Geld nötiger brauchen als ihre Haare.

Ich befinde mich im neueröffneten „Madame Tussauds“ am Wiener Riesenradplatz und auf meinem Rücken jagt ein kalter Schauer den nächsten. Weil ich weiß, was dahinter steckt. Weil ich die dunklen Geheimnisse des Wachsfiguren-Business kenne. Während der französischen Revolution wurden die Köpfe von Hingerichteten zur Abschreckung auf Lanzen gespießt. Weil die aber recht schnell verwesten, fertigte man stattdessen Duplikate der Häupter aus Wachs an. Als Herstellerin solcher Todesmasken hat Marie Tussaud ihr Handwerk erlernt. Sie ist jetzt auch schon seit 161 Jahren tot, doch das makabere Erbe der Madame Tussaud lebt weiter. Nun auch in Wien. Ein Rundgang.

Anfangs gibt sich die Ausstellung nostalgisch. Von Maria Theresia über Kaiser Franz Joseph bis hin zu Sissi – hier gibt’s alles, was das stehen gebliebene K.u.K.-Herz begehrt. Napoleon Bonaparte nebst Kanone stört den alt-österreichischen Flair. An der Wand hängt ein Schild: „Verwenden Sie die Requisiten um sich besser in die Rolle hineinversetzen zu können.“ Aus Respekt vor den Läusen der anderen Besucher entschließe ich mich dazu, den Napoleonschen Zweispitz nicht aufzusetzen und gehe weiter.

 

Oprah, Hillary, und Pizza


Als nächstes stelle ich fest, dass Benedict XVI. in Wachs etwas angenehmer anzuschauen ist als in Echt. Er wirkt einfach irgendwie lebendiger, fast spritzig. Danach ein Raum mit wahllos nebeneinander platzierten Staatsoberhäuptern: Angela Merkel, die Queen, Heinzi nationale. Und ja, ich gestehe, dass ich beim Anblick von Nelson Mandela in Gefängniskluft zuerst geglaubt habe, Morgan Freeman in seiner Rolle im Film „Die Verurteilten“ vor mir zu haben. Ich schäme mich ein bisschen und stapfe in einen Nachbau des Oval Office. Hier kann am präsidialen Schreibtisch Platz genommen werden, Barack Obama steht staatstragend daneben. Mein Blick fällt aufs Telefon. Genauer gesagt auf die Kurzwahltasten. „Pentagon“. „Hillary“. „Oprah“. „Pizza“. Ich frage mich, ob Barack Obama tatsächlich die gleichen Kurzwahltasten auf seinem Telefon hat und ob ihm wohl schon einmal ein Missgeschick passiert ist und bei Hillary Clinton Pizza bestellt hat.

Schmunzelnd schlendere ich weiter in den Raum der Komponisten und Wissenschaftler. An der hinteren Wand hängt ein Touchscreen: „Einsteins IQ Test“. Scheint für Kinder gedacht zu sein. In der Hoffnung auf einen billigen Ego-Boost versuche ich mein Glück. „Wie viele Zähne hat ein erwachsener Mann?“, „Wie schnell ist die Lichtgeschwindigkeit?“, „Welcher ist der größte Planet in unserem Sonnensystem?“. Ich scheitere kläglich und ernte ein verdientes thumbs down von Einsteins Comic-Alter-Ego höchstpersönlich. Etwas deprimiert steige ich die Stufen zum Raum der toten Popmusiker (und Christina Stürmer) hinauf.

 

Bohemian Rapesody


Ein Bild des Grauens. Sofort fällt mir die Karaoke Maschine auf, auf der entblößungsgeile Elendstouristen alte Queen-Klassiker entzaubern dürfen. Freddie Mercury steht daneben und erträgt jede noch so brutale Vergewaltigung von „Bohemian Rhapsody“ mit stoischer Lässigkeit. Unbewegt. Die rechte Faust stets in seiner berühmten Siegerpose gen Himmel gestreckt. Armer Freddie. Mit Michael Jackson war man gnädiger: Er darf der entstellten Wii-Version seines Lebenswerkes wenigstens den Rücken kehren. Falco belächelt das Geschehen. Irgendwie steht er auch als Wachsfigur noch über allem drüber. Nur Elvis schaut leicht bedrückt, fast beschämt, aus der hinteren rechten Ecke hervor.

 

Flucht.


Langsam wird mir bewusst, dass ich schon zu viele Abscheulichkeiten für einen Nachmittag sehen musste. Jetzt sind die Filmstars dran. Alfred Hitchcock, Marilyn Monroe, Brad Pitt, Leonardo DiCaprio. Hollywood im Zeitraffer, ich hetze vorbei. Wieder wird mir die Abneigung bewusst, die ich gegen diese unangenehm echt wirkenden Imitationen berühmter Menschen empfinde. Plötzlich bin ich in einem großem rundem Saal. Will Smith, Lady GaGa, Rhianna, Angelina Jolie, nochmal Nelson Mandela, nein halt, diesmal ist es wirklich Morgan Freeman. Sie alle starren mich unentwegt an. Ein flaues Gefühl macht sich in der Magengegend breit. Ein wächserner Robbie Williams lungert lasziv auf einem Sofa in der Mitte des Raumes. Jetzt ist mir wirklich schlecht. Ich eile Richtung Ausgang. Während ich um die Ecke biege spüre ich noch den vorwurfsvollen Blick von Nicole Kidman im Nacken. Endlich wieder im Freien. Auf Wiedersehen, Madame Tussauds! Ein Albtraum zum Eintrittspreis von 18,50€. War es das wert? Ich meine jein.

 

hyder out.

last time modified: July 14, 2011, 2:45 p.m.

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