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Judas Priest nehmen Abschied von Wien

„Wednesday night in Vienna and the Priest is back!“ - Am 29. Juni 2011 boten Judas Priest zum letzten Mal in Wien ein Heavy Metal Spektakel, das in der Rockwelt seinesgleichen sucht.

Dass man beim Konzert einer erfolgreichen Heavy Metal Band ist, weiß man spätestens, wenn man vor der Halle Opfer eines Konvertierungsversuches wird. "Folgt Jesus Christus!", skandiert ein älterer Herr mit Hut während er die Reihen der vor dem Eingangsbereich der Wiener Stadthalle Schlange stehenden Fans entlang geht und Heftchen verteilt. Er erntet dafür Gelächter. Denn die tausenden von dunkel gekleideten Menschen aller Altersklassen sind nicht etwa hier, um eine schwarze Messe zu zelebrieren. Sie sind hier, um eine höllisch laute Party mit einer der größten Heavy Metal Bands der Welt zu feiern: Judas Priest.

Für viele österreichische Fans wird dieser Abend des 29. Juni 2011 wohl die letzte Gelegenheit gewesen sein, die 1969 in Birmingham gegründete Band live zu sehen. Denn Judas Priest haben angekündigt, dass diese Welttournee, die den bezeichnenden Namen “Epitaph“ (dt: Grabinschrift) trägt, ihre letzte sein wird. Die Gruppe denkt zwar noch nicht ans endgültige Aufhören, ein Album ist noch geplant, aber nach 40 Jahren “on the road“ wurden die Schwermetall-Veteranen des ewigen Reisens müde. Doch ihr Abschied sollte kein leiser werden: Die Tour wurde, Zitat, als “die volle Ladung Heavy Metal-Extravaganz“ angekündigt - und das war nicht zu viel versprochen.

"Heavy Metal Fans sind wie Motorräder"

Nachdem das Publikum von den hochkarätigen Vorbands Thin Lizzy und Whitesnake gut aufgewärmt ist, fällt nach einer angenehm kurzen Umbaupause der Vorhang, und Judas Priest beginnen ihren Set mit den Maschinengewehr-Riffs von “Rapid Fire“. Der erste Blick auf die Bühne macht klar, dass die Produktion die aufwendigste seit der “Fuel For Life“ Tour 1986 ist. Pyrotechnik, Massen von Rauchschwaden, eine Videoleinwand und eine beeindruckende Lasershow verstärken die Wirkung der größten Hits der Band. Die gesamte Bühne ist mit schweren Ketten verhangen, flankiert wird sie von zwei zylinderförmigen Säulen, aus denen permanent Rauch aufsteigt und die dadurch an die Industrieschornsteine erinnern, die die Landschaft von Judas Priests Heimat, die englischen Midlands, so maßgeblich prägen. Und natürlich ist auch die berühmte Harley wieder mit von der Partie, auf der Sänger Rob Halford zu den Klängen von “Hell Bent For Leather“ seit Jahrzehnten auf die Bühne brettert. Warum eine Harley dabei sein muss? Halford schilderte seine Sichtweise von Motorrädern einmal so: "Sie sind laut, sie stinken, die Leute fühlen sich von ihnen belästigt. Motorräder sind wie Heavy Metal Fans.“


Rob Halford & Harley

Rob Halford & Harley

Credits: ®thehyder


Diese Aussage war natürlich nicht ganz frei von Ironie. Rob ist vernarrt in seine “Heavy Metal Maniacs“, wie er die Judas Priest-Fans liebevoll nennt. Und die konnten sich, neben der bombastischen, zweistündigen Show, über insgesamt 21 Songs der Extraklasse freuen. Um ihrem umfangreichen Katalog gerecht zu werden, spielte die Band mindestens einen Song von jedem Album, ausgenommen der beiden Platten, die sie mit dem Interims-Sänger Tim “Ripper“ Owens aufgenommen haben. Daher waren nicht nur Standard-Hits wie “Breaking the Law“, “Metal Gods“ oder “Electric Eye“ zu hören, sondern auch selten oder nie zuvor live gespielte Stücke wie “Blood Red Skies“ und “Starbreaker“. Und sogar vom oft außer acht gelassenen ersten Judas Priest Album “Rocka Rolla“ war ein Song dabei: Das groovige “Never Satisfied“.

Musiker in der Form ihres Lebens

Dargeboten wurde das Programm von einer Band, der man ihr Alter zu keiner Sekunde anhört. Rob Halford war ausnehmend gut bei Stimme, seine typischen Sirenen-artigen Schreie sind auch 2011 noch das Maß aller Dinge, was Metal-Gesang betrifft. Das monumentale “Painkiller“, wohl einer der am schwierigsten zu singenden Songs des gesamten Genre, klang so gut wie schon lange nicht mehr. Auch von seinem Charisma und seinen Entertainer-Fähigkeiten hat der bald 60-jährige nichts eingebüßt. Es gibt nicht viele Sänger, denen das Publikum so aus der Hand frisst wie Rob Halford. Er sang kein einziges Wort von “Breaking the Law“ - er überlies das Singen des gesamten Textes den Fans. Wie viele Frontmänner gibt es, die sich so etwas leisten können?


"Breaking the Law" - komplett vom Publikum gesungen


Bei Glenn Tiptons Gitarrensoli saß jede Note absolut präzise. Und auch Neuzugang Richie Faulkner, der 31-jährige Gitarrist, der das wegen interner Streitigkeiten ausgestiegene Gründungsmitglied K.K. Downing ersetzte, konnte durch selbstbewusstes Auftreten und virtuose Fähigkeiten auf seinem Instrument überzeugen. Drummer Scott Travis und Bassist Ian Hill gaben den Songs das Fundament, das sie brauchen. Die beiden bilden nach wie vor eine der solidesten Rhythm-Sections der Metal-Szene.

Eines steht also fest: Judas Priest haben einen Zeitpunkt für ihre Abschiedstournee gewählt, zu dem sie in der Form ihres Lebens sind. Diesen kritischen Punkt haben viele andere Bands verpasst. Ein Fehler, den die “Metal Gods“ auf keinen Fall begehen wollten.

Abschied unter Tränen

Als nach der vierten Zugabe, dem Partyhit “Living After Midnight“, pünktlich um Mitternacht Schluss ist, verschwinden Judas Priest nicht wie andere Bands sofort hinter dem Vorhang. Sie lassen sich noch einige Minuten lang von den glücklichen Fans feiern, verbeugen sich mehrmals und werfen Gitarrenplektren und Drumsticks ins Publikum. Den letzten Stick lässt Scott Travis einer jungen Frau in der dritten Reihe von einem Security-Mann überreichen, die ihr Glück kaum fassen kann. Am Ende des Konzertes hinterlassen Judas Priest tausende zufriedene “Heavy Metal Maniacs“, aber auch Wehmut macht sich bemerkbar. Und wer glaubt, dass Metal-Musiker ungern Gefühle zeigen, wird von Ian Hill eines Besseren belehrt: Nach der letzten Verbeugung vor dem Wiener Publikum kann der Bassist ein paar Tränen nicht mehr zurückhalten.

Es sind Momente wie dieser, in denen klar wird: Diese Band liebt ihre Fans genau so innig wie die Fans sie. Und der Abschied fällt keinem von beiden leicht. Was wird bleiben? Ein Summen in den Ohren für ein paar Tage und die Erinnerung an die vielleicht beste Heavy Metal Band aller Zeiten.

hyder out

last time modified: July 15, 2011, 3:35 p.m.

Comments

willi

willi

04/07/2011 · report · direct link · reply

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hi,
ich bin kein metalhead - aber diese abschiedsymphonie hätt ich doch gern erlebt, so nach dieser schilderung.

.... Was wird bleiben? Ein Summen in den Ohren für ein paar Tage und die Erinnerung ....

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btw - bin aus der selben generation wie die musiker, und wir hätten uns nie träumen lassen, dass man in diesem alter noch ordentlich das haus rocken wird.