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ÖSTERREICH. Ein Trauerspiel

Wie Wolfgang Fellner machte, was man in dieser Form wohl nicht erwarten konnte.

#oesterreich

#oesterreich

Bevor sie 2006 zum ersten Mal erschien, hoffte man auf eine neue Qualitätszeitung. Doch Wolfgang Fellner hat uns alle enttäuscht.

Credits: Andreas Neustifter

www.flickr.com/photos/astifter/2704944366

Als am 1. September 2006 ÖSTERREICH an die Bildfläche trat, waren meine Hoffnungen groß: zum ersten Mal in meinem Leben kam eine neue Zeitung auf den Markt. Man konnte sich so einiges erwarten: vielleicht würde das der große Schlag werden, eine Qualitätszeitung, wie es Österreich noch nicht gesehen hat. Auch die schlichte und gut designte Plakatwerbung hat es mir persönlich angetan. Als ich dann aber die erste Ausgabe in der Hand hielt, konnte ich in Wahrheit meinen Augen nicht trauen. Das war um keinen Deut besser als die Kronen Zeitung, nur vielleicht noch etwas tollpatschiger und weniger politisch. Von Qualität keine Spur. Seit 3 Jahren habe ich keine einzige Ausgabe der ÖSTERREICH mehr angegriffen.

Die Zeitung, die auch in der Inseratenaffäre rund um Bundeskanzler Werner Faymann eine Rolle spielt, hätte dabei in Wahrheit wirklich großes Potential gehabt. In einem Artikel in auf Zeit.de wird die Geschichte rund um die Tageszeitung erzählt. Man hatte wirklich vor, ein Qualitätsmedium im Tabloidformat zu entwickeln. Für Österreich eine Novität ... von den großen Printmedien sind bislang immer noch nur drei davon (Kronen Zeitung, Heute und Kleine Zeitung) im handlicheren Format erhältlich. Als man ÖSTERREICH damals plante, hat man eine Unmenge Geld investiert: man hat Journalisten angekauft, wollte eng mit neuen Medien interagieren und baute einen Newsroom mit 180 Mitarbeitern auf. Alles hätte so schön werden können, doch dann kam Wolfgang Fellner, wie Die Zeit schreibt, zwei Monate (!) vor dem Start der Zeitung ins Büro.

"Er sagte, er habe es sich doch anders überlegt – wir machen gleich harten Boulevard. Der alte Dichand würde eh bald sterben."

Aber scheinbar war nicht nur ich enttäuscht von ÖSTERREICH. Die dicke Zeitung, täglich vollgepackt mit bunten Beilagenmagazinchen, wurde scheinbar nach all den verkauften Testabos schnell wieder storniert. 70 Millionen Euro Kredit hat Wolfgang Fellner aufgenommen, bei einem Team aus 8 verschiedenen Banken. Dreizehn Jahre hätte er damit auskommen sollen ... seit 2006 sollen zudem noch 35 Millionen Euro durch Regierungsinserate dazugekommen sein. Laut dem Artikel der Zeit sind sie schon jetzt, nach 5 Jahren fast am Ende angelangt, zwei Jahre, bevor sie, laut dem Startplan, schwarze Zahlen schreiben wollten.

Ursprünglich hatte Fellner, ein Medienmacher, berüchtigt für sein goldenes Händchen, eine weltoffene Qualitätszeitung im Sinn, in der jedes Thema entsprechend seiner öffentlichen Resonanz gewichtet werden sollte.

Doch ÖSTERREICH macht alles falsch: wenn man sich Kobuk, ein sogenannter Watchblog für Österreichs Medien, ansieht (ähnlich dem Bildblog in Deutschland), fällt einem eines auf. Von bisher 349 Beiträgen zu Fehlern in Medien, handeln 78 Stück davon von ÖSTERREICH, ganze 64 Artikel gibt es über die Online-Version oe24.at. Die Vorwürfe sind zahlreich: Einerseits erkennt man allzu oft nicht, was Werbung und was redaktioneller Inhalt ist, Schleichwerbung bringt natürlich auch noch mal viel Geld in die Kasse. Zudem erscheinen Ausgaben über Dinge, die so nicht passiert sind. Wie z.B. ein Bericht über die tragische Wetten, dass...-Folge, die vorzeitig abgebrochen wurde. Oder auch Interviews, die entweder nicht stattgefunden haben, oder zu denen der Befragte kein Einverständnis gab. Das beschäftigt unter anderem auch die Qualitätsmedien. In der Tageszeitung Die Presse hat man sich mal in ehrlicher Sprache zu Wort gemeldet: 

So ist es weder hochnäsig noch wehleidig, wenn Journalisten deutlich sagen: Wir distanzieren uns von „Österreich“.

Und das mache auch ich. Ich will mit dieser Zeitung in Wahrheit nichts zu tun haben. Sie widerspricht allzu gerne journalistischen Grundsätzen, würde wohl ähnlich wie "News of the World" über die Stränge schlagen, nur um Exklusivstories zu haben und außerdem ist es rein vom Layout her ein augenkrebsförderndes Schmierblatt. Österreich würde ÖSTERREICH nicht vermissen. Selbst Heute und die Kronen Zeitung (die ich beide ebenfalls seit 3 Jahren nicht mehr mitgenommen, gekauft oder sonntags gestohlen habe) sind besser. Die Heute, weil sie zwar inhaltlich anspruchslos berichtet, aber ganz offensichtlich nicht so - man verzeihe mir den Ausdruck - geil auf große Stories ist. Und die, als Gratiszeitung, zumindest eines bewirkt: dass sich Jugendliche mal schnell mit einer Zeitung beschäftigen. Oder auch die Kronen Zeitung, die glücklicherweise auch schön langsam an Reichweite verliert: sie fällt vor allem durch Meinungspolitik auf, die sie ganz offensichtlich betreibt. Wobei es, nach dem Tod Hans Dichands, eine leichte Besserung zu geben scheint.

ÖSTERREICH ist eine Schande für die österreichische Medienlandschaft. Das ist meine Meinung. Und es gibt keinen Grund, die zum Teil gratis aufliegende Zeitung in die Hand zu nehmen. Reißerisch, pessimistisch und hetzerisch - das sind die Eckpfeiler von ÖSTERREICH. Am Liebsten würde ich Wolfgang Fellner eine Ohrfeige geben: für diesen einen Satz, zwei Monate vor dem Start der Zeitung. Und für das, was er als Herausgeber zulässt. Aber wahrscheinlich erfüllen ihm die Journalisten auch nur seine Herzenswünsche. 

Und so kann ich nur auf den nächsten Zeitungsstart hoffen: Vielleicht ist es Red Bull, vielleicht auch der Styria Verlag oder was weiß ich. Zumindest sollte ihnen eines klar sein: Boulevard brauchen wir hier in Österreich bitte nicht mehr. Aber ich wäre wohl der erste Abonnent, wenn man ankündigt, endlich eine Qualitätszeitung im Tabloidformat zu entwickeln. Und mitschreiben würde ich bei dieser Zeitung wohl auch gerne. Aber ja. Man wird ja zumindest noch träumen dürfen.


References

Comments

signof

signof

18/11/2011 · report · direct link · reply

0+ [0]

"Reißerisch, pessimistisch und hetzerisch - das sind die Eckpfeiler von ÖSTERREICH." schön gesagt. Eben das österreichische equivalent zur bild "und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht" (die Ärtzte)

Machiste

Machiste

11/11/2011 · report · direct link · reply

2+ [2]

Leider ist dieses Schundblatt nicht die Ausnahme, sondern die Regel; das schlimmste ist, dass diese Blätter alle auch noch Steuergeld in den Hintern geblasen bekommen, und zwar in Form von "Presseförderung", das soll angeblich die Meinungsvielfalt fördern. Sehr guter Artikel (schon wieder) von dir, dich abonnier' ich mir jetzt ;)

eatmyshorts

eatmyshorts

11/11/2011 · report · direct link · reply

1+ [1]

Aber mal ehrlich, wir haben in Österreich doch wirklich einen riesigen Haufen an Tageszeitungen und anderen Printmedien. Spontan fallen mit neben Kurier, Presse, Standard und Krone noch die Wiener Zeitung, das Wirtschaftsblatt, die Kleine Zeitung und noch ein ziemlicher Haufen an Wochenzeitschriften ein. Brauchen wir wirklich noch mehr? Ist es nicht irgendwann einfach schade ums Papier?

Matthias Fuchs

Matthias Fuchs studiert Journalismus

11/11/2011 · report · direct link · reply

2+ [2]

Ob wir noch mehr brauchen? Und ob! Österreich hat selbst für seine Größe einen kleinen Medienmarkt. Mehr Tageszeitungen wären super, im Sinne der Vielfalt und so...
Nur leider hält ein riesiger Krake namens Kronen "Zeitung" 3 Mio. Leser in seinen Tentakeln und macht damit anderen Medien das (Über)leben schwer. Und erschwert halt auch die Gründung von neuen Zeitungen.

schwarzweiss

schwarzweiss

12/11/2011 · report · direct link · reply

2+ [2]

Ich stimme Matthias zu, selbst in Schweden wo ich gerade bin, einem Land mit etwas mehr Einwohnern als Österreich, gibt es mehr Zeitungen und Magazine. Und da es schon genügend Boulevardblätter und -magazine gibt, wäre es wieder an der Zeit für die Einführung eines Qualitätsmediums - nur wer hätte die Ressourcen sonst dafür außer wahrscheinlich ein großer Konzern, wie zB Red Bull?

Leo Fasbender

Leo Fasbender Newsgrape Co-Founder

11/11/2011 · report · direct link · reply

2+ [2]

‘Österreich würde ÖSTERREICH nicht vermissen. Selbst Heute und die Kronen Zeitung (die ich beide ebenfalls seit 3 Jahren nicht mehr mitgenommen, gekauft oder sonntags gestohlen habe) sind besser.‘ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Onatcer

Onatcer student, amateur photographer, blogger

11/11/2011 · report · direct link · reply

1+ [1]

Also ich muss mal ganz klar sagen ich lese dieses Drecksblatt gerne....
Wenn man in der Früh so extrem demotiviert am Bahnhof sitzt und diese teils auseinanderfallende ähhhhh..... oder eher das auseinanderfallende Blattl wie ein Bilderbuch ließt, denkt man sich immer wieder: Allein um nicht so zu werden zahlt es sich aus in die Schule zu gehen ;D Da lernt man auch wie man mit Photoshop arbeitet....

Christina Klöber

Christina Klöber

11/11/2011 · report · direct link · reply

2+ [2]

Super Artikel, endlich bringt das mal wer auf den Punkt! Ich kann mich noch gut erinnern, als ich damals, kurz vor dem ersten Erscheinungstermin, noch mit meinen Freunden darüber diskutiert habe, in wie weit die ÖSTERREICH die hiesigen Medienlandschaft bereichern wird. Damals waren alle anderen der Meinung, da käme ein neues Qualitätsmedium und das wäre auch gut so - ich war allerdings damals schon sehr skeptisch - wie sich zeit, zu recht.