Ohne meinen Titel sag' ich nichts
Die seltsamen Ausprägungen des österreichischen Titelwahns
- Creative Writing Blogging
- 03/07/2011
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Im Wartezimmer einer Arztpraxis. Eine ältere Dame wird aufgerufen. „Frau Magister Bauer, bitte ins Untersuchungszimmer eins.“ „Herr Diplomkaufmann Mayer, bitte holen Sie sich Ihr Medikament ab.“ „Ja, die Frau Doktor ist gleich für Sie da!“
Österreicher lieben Titel. Was gibt es auch Schöneres, als sich Frau Magister, Herr Doktor oder Herr Diplom-Ingenieur nennen zu können. Für all jene, die es leider nicht geschafft haben, ein akademisches Studium abzuschließen, gibt es eine wunderbare österreichische Erfindung: die Berufstitel. So kommen all jene ÖsterreicherInnen, die sich Verdienste um die Republik Österreich erworben haben, zu solch klingenden Titeln wie Studienrat oder Kanzleirat. Wer stellt sich nicht gerne in eine Reihe mit Professor honoris causa Karl Moik, dem sympathischen Ex-Musikantenstadl-Entertainer? Sollte das mit den Berufstiteln nicht funktionieren, auch kein Problem! Wozu gibt es schließlich Berufsbezeichnungen? Wie wäre es mit Baumeister, Forstadjunkt oder Ingenieurkonsulent? Keine Sorge also, in Österreich findet sich ein passender Titel für jeden! Solange man etwas hat, das man vor den eigenen Namen schieben kann, ist alles in Ordnung. Egal, ob es sich dabei um einen akademischen Titel handelt oder eben nur um eine Berufsbezeichnung.
Egal ist auch, wie man zu seinem Titel gekommen ist. Hat man keine Lust auf ein langes, anstrengendes Studium, dann kauft man sich eben einen! Dass die Nachfrage durchaus besteht, hat der Ansturm auf die Satirewebsite titel-kaufen.de gezeigt. Unter den Anfragern auf der deutschen Website fanden sich auch viele Österreicher. So zum Beispiel ein österreichischer Bürgermeister, der sich einen MBA-Titel als „passende Ergänzung“ wünscht.
Noch schlimmer als Leute, die sich Titel kaufen wollen, sind sogenannte „Vaginalpromovierten“. Ehefrauen, die sich „Frau Doktor“ oder „Frau Ingenieur“ nennen lassen, weil ihr Mann eben Doktor oder Ingenieur ist. Diese Frauen – und es sind leider ausschließlich Frauen – gehören hoffentlich zu einer aussterbenden Spezies. Keine moderne, klar denkende Frau lässt sich heute mit dem Titel ihres Partners oder Ehemanns ansprechen. Hoffentlich.
Doch woher kommt die Titelverliebtheit der Österreicher? Möglicherweise liegt der Grund in der Vergangenheit. Zu Zeiten der Monarchie waren Titel sehr wichtig. Vor allem Beamte wurden mit Titeln überhäuft, als Entschädigung für eine schlechte Entlohnung. Der Titelwahn überlebte bis heute. Im Jahr 2011 gibt es in Österreich fast 900 Titel.
Viele Leute sind beleidigt, empört oder gar verärgert, wenn man sie ohne ihren Titel anspricht. Oder die Reihenfolge der Titel durcheinanderbringt. So mancher sieht, neben der Höflichkeit, sogar eine juristische Notwendigkeit, mit ihrem Titel angesprochen zu werden. Was dabei vergessen wird: Titel sind in Österreich schon längst nicht mehr Bestandteil des Namens. Seit 1966 – also seit 45 Jahren – gibt es in Österreich keine gesetzliche Verpflichtung mehr, seinen Titel zu führen. Das ist leider zu einigen Leuten noch nicht durchgedrungen.
last time modified: July 15, 2011, 12:10 a.m.

Comments
KHG
03/07/2011 · report · direct link · reply
Ist aber daheim in good-old-Austria echt ganz besonders lächerlich teilweise.. Aber die Gründe sind ja eh aufgezählt: liegt alles an der K&K Manier, mit Titeln statt Gehalt zu ködern. Für alle, die das nicht wussten, deswegen heißen die Lehrer in Österreich auf "Professoren" (in keinem anderen Land vorstellbar ^^)
Philipp Kregs
03/07/2011 · report · direct link · reply
Jetzt mal aus Interesse - werden alle Gymnasial Lehrer in Ö. mit "Professor" angeredet?
KHG
03/07/2011 · report · direct link · reply
Nicht gewusst? :D
Ist doch herrlich - und sicher der einzige Weg, nach einem Lehramt-Studium als Professor herumzulaufen ;-)