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One-Way-Ticket in die Hölle

Alkohol ist die Volksdroge Nummer 1! Die Sucht danach bringt Betroffene und Angehörige an die Grenze des Ertragbaren und darüber hinaus. Eine Sitzung mit Ex-Trinkern, die ihre Geschichten erzählen.

Vier Menschen sitzen beim Tisch. Drei Männer, eine Frau. Sie tauschen die neuesten und die besten alten Geschichten aus. Es wird viel gelacht. Eine nette, lustige Runde wie man sie in jedem Gast-, Kaffee oder sonstigem Haus in Österreich finden könnte. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Ist es dieser längliche Raum, in eintönigem Beige gestrichen und vom matten Licht der Leuchtstoffröhren erhellt? Nein.

Der Tisch ist voll beladen mit Chips, Solettis, Wasser und Fruchtsäften. Sogar Kerzen gibt es. Aber irgendetwas fehlt. Ach ja, der beliebteste Gast an Österreichs Stammtischen; unsere Nationaldroge Nummer 1! Der Alkohol!  Kein Bier. Kein Wein. Nichts.

 

Die AHA

Kindergeburtstag?! Weit gefehlt. Das ist ein Treffen der AHA. Die „AlkoHolAbhilfe“ ist eine Gemeinschaft von Ex-Alkoholikern oder denen die es werden wollen. Sie berät und hilft Abhängigen und deren Angehörigen. Jeder ist willkommen der sich von seiner Sucht dauerhaft befreien will. Herbert Ralis leitet die Gruppe, die sich wöchentlich in einem Clubraum in der Oeverseestraße 1, 1150 Wien trifft. Der pensionierte Banker war selbst jahrelang abhängig  und weiß wie schwierig der Weg zurück in die Abstinenz ist. Seit 1998 leitet er die AHA, berät, tröstet und vermittelt. Dabei hilft ihm nicht nur seine fundierte Erfahrung, sondern auch ein hervorragend ausgebautes Netzwerk zu verschiedenen Ärzten und Therapiezentren in Österreich.

Herbert Ralis hat für jeden ein offenes Ohr, der über seine Probleme mit Alkohol sprechen will. Neben den wöchentlichen Clubsitzungen, gibt es eine AHA – Kummernummer, ein traditionelles sowie ein elektronisches Postfach. Jeder ist eingeladen, aber nicht jeder traut sich zu kommen.

 

Die Leute

Das Quartett ist in angeregtes Plaudern vertieft. Der einzig störende Faktor ist ein Student, der an diesem Tag zu Gast ist und die Leute zu ihren persönlichen Geschichten befragt. Wie sind sie hierher gekommen?

Alex, ein 42-jähriger Mann mit Glatze und kleinem Bart fixiert den Neuling ernst durch seine Brille. „Die Verkehrspsychologin hat mich drauf gebracht. Ich hatte an dem Abend acht Bier und bin dann noch Auto gefahren. Da haben sie mich erwischt. Nachschulung, verkehrspsychologische Untersuchung und Führerscheinentzug. Das war eine richtige Watschen!“ Bei der Psychologin hing zufällig ein Flyer der AHA und die Gruppe gefiel ihm so gut, dass er „picken geblieben ist“, schon zwei Jahre lang.

Martha, die einzige Frau in der Runde ist 67 Jahre alt, trägt ein gelbes T-Shirt passend zu ihren kurzen, blonden Haaren und hat die AHA 2007 über einen Artikel der „Kronen Zeitung“ gefunden. Die Pensionistin hatte zu dieser Zeit schon mehrere Rückfälle und einen stationären Aufenthalt am Anton-Proksch Institut in Kalksburg, dem größten europäischen Therapiezentrum, hinter sich. „So ging das nicht weiter! Ich wollte wieder leben! Ich habe aber noch einige Runden hier in der Gegend gedreht, bevor ich den Herbert dann wirklich angerufen hab.“

Erich ist 48 Jahre alt, arbeitet bei Siemens, hat kurze Haare und braun gebrannte Haut. Bei einer stationären Therapie in Kärnten riet ihm sein Psychologe auch nach der Behandlung etwas gegen seine Krankheit zu tun. Auch in dieser Ordination hing zufällig ein Flyer der AHA. Seit 1 ½ Jahren besucht er die wöchentlichen Treffen. „Das tut gut! Zuzugeben dass man ein Problem hat, ist immer der erste und wichtigste Schritt zur Abstinenz. Man schleppt die ganze Zeit einen Rucksack voll mit Steinen. Wenn man sich dann endlich aussprechen kann, ist es so als hätte jemand die Riemen durchschnitten. Du gehst plötzlich viel leichter durchs Leben. Es hilft immer wenn man mit anderen Betroffenen redet. Auch wenn du jemandem ein bisschen Mut machen kannst, sodass er diesen harten, langen und gefährlichen Weg weitergeht, stärkt dich das auch selbst. Es bestätigt dir, dass du selbst am richtigen Weg bist.“

„Das war ein tolles Gefühl hier in der Gruppe zu sein und sich auszusprechen.“ Wirft Martha ein. „Ich habe richtig geheult.“

Wie schwer dieser Weg in Österreich ist, zeigt die Statistik. In einem Status Report der Weltgesundheitsorganisation WHO zu Alkoholkonsum, liegt Österreich mit 13,2 Liter purem Alkohol jährlich pro Person fast vier Liter über dem europäischen Durchschnitt und damit auf Platz sechs von insgesamt 48 untersuchten Ländern.

Was sagen die Mitglieder der AHA zu diesen Zahlen und Fakten?

Gerhard ist 48. Er trägt eine dunkelgrüne Militäruniform. „Das Gesellschaftstrinken ist in Österreich ganz normal. Das ist der Einstieg in die Sauferei! Wenn man mit Freunden unterwegs ist und ein Bier oder Wein in die Hand gedrückt bekommt, dann kann man das auch nicht ablehnen! Jede Gesellschaft hat eben ihre anerkannten Drogen. Bei uns ist das der Grüne Veltliner!“ 

 

Die Fakten

Rund 8000 Menschen sterben in Österreich jährlich an den Folgen von Alkoholkonsum. Zum Vergleich: Illegale Drogen fordern „nur“ 200 Opfer pro Jahr. Besonders gefährdet sind Jugendliche aus desolaten Familienverhältnissen, Frauen, die durch Familie oder Beruf gestresst sind und Männer, die Misserfolg im Berufs- oder Privatleben haben. Alleinstehende, sozial isolierte Frauen sowie Pensionisten und Langzeitarbeitslose sind ebenfalls besonders gefährdet.

Bei Alkoholsucht ist die stationäre Behandlung der absolute Tiefpunkt der Talfahrt. Die Betroffenen sind auf ärztliche und medikamentöse Hilfe angewiesen. Problematisch ist aber auch die Zeit danach. Das Rückfallrisiko ist dauerhaft hoch, da sich das Gehirn an die regelmäßige Einnahme der Droge gewöhnt hat und beim kleinsten Schluck sofort ein starkes Verlangen zurückkehrt. Die Entzugserscheinungen, wie Zittern, Unruhe und sogar epileptische Anfälle machen das Unternehmen Abstinenz zur Gradwanderung. Nur rund ein Drittel schafft es über lange Zeit trocken zu bleiben.

 

Die Sklaven

Wie kann sich ein Mensch dermaßen zum Sklaven einer Substanz machen?

„Ich habe schon vor meiner Scheidung getrunken“, erzählt Gerhard. „Aber danach war es wirklich schlimm. Die Kinder waren weg. Das Haus war weg. Ich war ganz allein. Da war dann auch alles wurscht. Jetzt konnte ich richtig saufen, weil ich eh schon alles verschissen hatte! Ich hab getrunken wegen der Probleme und Probleme gekriegt weil ich getrunken hab. Wenn’s so weit ist, dann bist es. Dann gibt’s nur noch verrecken!“ Alex wirft ein: „Am Anfang schmeckts. Aber irgendwann ist es dann wurscht. Hauptsache es ist flüssig!“

Die Stimmung im Raum ist umgeschlagen. Von fröhlich und unbeschwert zu ernst und betroffen. Martha erzählt, dass sie von ihrem ersten Mann geschieden und in ihrer zweiten Ehe früh verwitwet war. In der Pension stürzte sie dann vollends in das tiefe Loch der Alkoholsucht: „Ich habe auch schon vor meiner Pensionierung viel getrunken. Aber danach war ich ganz allein zu Hause. Niemand hat mich gesehen. Da ist es dann richtig schlimm geworden! Man fängt an sich zu hassen. Ich hatte Selbstmordgedanken!“

Negative Erlebnisse wie Scheidungen, Verlust, beruflicher oder privater Misserfolg sind häufig der Ausgangspunkt eines langanhaltenden Alkoholproblems. „In der Therapie gräbt der Psychologe nach dem Warum!“ sagt Erich. „Ich bin zweimal geschieden. Nach der letzten Scheidung war das Haus weg und die finanzielle Lage beschissen. Um mich zu beruhigen hab ich angefangen zu saufen!“

 

Der kleine Prinz

Während der Therapie wird nicht nur nach dem „Warum“ gesucht, sondern auch versucht den Betroffenen ein glückliches Leben fernab der Alkoholsucht zu zeigen. So gibt es neben den Gesprächen mit Ärzten und Psychologen auch Korbflecht-, Zeichen- oder diverse Sportkurse. Die Kranken müssen sich wieder daran erinnern wie ihr Leben aussah, bevor der Alkohol kam, denn „der Stoff wird zum Lebensmittelpunkt“, schildert Erich. „Es dreht sich alles nur noch um die Beschaffung. Hab ich genug zu Hause? Komm ich so über den Tag? In der Nacht gibt man sich die Kante. In der Früh hol ich mir gleich das nächste Bier aus dem Kühlschrank!“

Die Alkoholkranken bewegen sich in einem Rad der Sucht. Das „sich schämen“ spielt eine große Rolle in diesem Teufelskreis. „Kennst du die Geschichte aus dem Buch der kleine Prinz?“, fragt Erich. „Da kommt der kleine Prinz auf den Planeten des Säufers. Der sitzt da, trinkt und der Prinz fragt: Warum trinkst du? Und der Säufer sagt: Weil ich mich schäme. Der Prinz fragt dann: Warum schämst du dich? Der Säufer sagt: Na weil ich trinke!“

Das Problem bleibt lange im Verborgenen, da sich die Süchtigen schämen und alles tun um nicht aufzufallen: „Wir sind nicht nur gute Verdränger, sondern auch gute Schauspieler! Wenn Leute bei mir zu Hause waren hab ich mich zurückgehalten. Als ich am Abend dann alleine war, hab ich richtig Vollgas gegeben! Viele Leute waren erschüttert als ich gesagt hab, dass ich in Therapie gehe! Wenn mich jemand gefragt hat, ob ich getrunken habe, hab ich gelogen. Ich hab auch eine Zeit gebraucht bis ich gemerkt hab, dass meine Töchter mir nur ein Bussl geben wenn ich nach Hause komm um zu sehn ob ich fett bin.“ Gerhards Blick verliert sich im Nichts.

 

Die Jugend

Was sagt die Gruppe zur heutigen Jugend? „Unsere Nachfolger sind schon in den Startlöchern. Wenn die am Abend weggehen, geben die richtig Gas. Man bekommt ja heute überall Alkohol ganz einfach.“, sagt Gerhard. „Bei diesen süßen Alkopops merkt man gar nicht wie viel da wirklich drin ist. Der Einstieg ist viel leichter geworden!“

Die Zahlen geben Recht. Nach einer Veröffentlichung des österreichischen Bundesministerium für Gesundheit haben Männer und Frauen unter 19 Jahren öfter einen Rausch als der Rest der Bevölkerung. Eine bedenkliche Tatsache meint auch Erich: „Das ist dieser Gruppendruck. Wenn die Chemie zwischen den Leuten stimmt, kann man sich auch ohne Alkohol sehr gut unterhalten.“

 

Alkoholismus ist....

Wie beenden diejenigen, die es am besten wissen müssen diesen Satz?

Martha und Alex: „Alkoholismus ist gefährlich“. Gerhard: „Alkoholismus ist eine Sackgasse.“ Erich: „Er ist Verdruss und Elend. Alkoholismus ist ein One-Way-Ticket in die Hölle!“

last time modified: July 14, 2011, 12:35 a.m.

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