Plädoyer für mehr Menschlichkeit
Bevor wir uns gegenseitig die Schädel einschlagen – Egoisten und andere Egoisten, Atheisten und Gläubige, Gläubige und Andersgläubige, fundamentalistische Islamisten und fundamentalistische Christen usw. – könnten wir uns doch auch darauf besinnen, dass wir alle Menschen sind…
- Society
- 14/07/2011
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Die Welt ist voller Kriegsschauplätze – müßig, sie alle aufzuzählen. Sogar die Amerikaner wissen seit 9/11, dass es keiner Zugbrücke über die Weltmeere bedarf, die sie bisher abgeschottet haben. In Europa leben wir seit einem halben Jahrhundert im Frieden, aber manche brauchen Fußballplätze, U-Bahnen oder ähnliches, um wenigstens hier Unfrieden zu stiften. Für rechte Recken ist das Paintball-Spielen unmodern geworden, stattdessen tummeln sie sich in Internet-Foren und betätigen sich als Kampf-Poster, um wenigstens hier Krieg gegen Moslems, Linke, Grüne oder sonst Andersgläubige zu führen. Oder sie demonstrieren – sogar mit dem Kreuz in der Hand – gegen Moscheen und Kulturzentren. Moderaten und normal Denkenden kommt das Grausen. Anscheinend brauchen wir Krieg – um von uns selbst und der eigenen Behinderung abzulenken, die eigene Leere zu füllen, den starken Mann zu spielen oder was auch immer.
Welcher Geist muss einem reiten, um ein Fußballstadion in ein Schlachtfeld zu verwandeln? Welch morsche Gedanken müssen dazu führen, dass man religiösen Einrichtungen, Minaretts und Büchern (Koran) den Kampf ansagen muss?
Dabei wird regelmäßig eines übersehen: dass nämlich auf der anderen Seite immer auch Menschen stehen. Manche im Stadion wollen einfach Fußballspielen oder zusehen, manche sind Fans eines anderen Clubs. Auch das sind Menschen. Nach der unseligen Anti-Minarett-Abstimmung in der Schweiz haben Analysen ergeben, dass im Osten der Schweiz die überwiegende Mehrheit gegen Minaretts war – also in jenen Gegenden, in denen man kaum Moslems zu Gesicht bekommt. Im Westen, wo viele Moslems leben, war bekannt, dass das auch Menschen sind, und da war die Mehrheit für die Minaretts.
In Wien kämpfen Bürgerinitiativen gegen Moslems – pardon, gegen den Lärm, den diese machen werden – und lassen sich die Homepage von der FPÖ finanzieren, die solche Demonstrationen gleich dazu missbraucht, Werbung für ihre kleinformatigen Ideen, gegen Ausländer und für das, was (nur) sie christliche Kultur nennen, zu machen. Wer Hass schürt, macht auf sich aufmerksam, spielt mit der Angst der Leute – und wird zu schlechter Letzt auch noch gewählt.
Im 15. Bezirk leben dagegen Christen und Moslems friedlich nicht nur nebeneinander, sondern sogar miteinander. Moslems kommen zu den christlichen, Christen zu den muslimischen Festen, man kennt einander und hat entdeckt, dass die jeweils anderen auch Menschen sind, die hier friedlich leben wollen. Solche Beispiele gibt es im ganzen christlichen Europa, wenngleich das immer nur Inseln sind – Strache, LePen, Wilders und Konsorten sei‘s gedankt.
Besonders beschämend wird es, wenn sich sogenannte Christen am Krieg gegen Moslems (als wären alle Islamisten), gegen andere Religionen und Kulturen beteiligen und sich mit den rechten Brüdern kurzschließen. Dabei hat das 2. Vatikanische Konzil genau das bereits überwunden und die Achtung vor den anderen Religionen ausgesprochen, in denen die Wahrheit ebenfalls durchscheint. (An „Wir sind Kirche“): Manchmal ist die Basis konservativer als die Amtskirche.
Die heute zum Kirchen-Bashing ausartende Kirchenkritik könnte auch menschlicher ausfallen. Die Kirche ist kein Verein von Heiligen, zumindest nicht in dem Sinn, wie das eigenartigerweise gerade die Kritiker fordern. Sie war und ist immer Abbild der Gesellschaft. Es gibt auch andere Antworten auf die komplexe Misere der Kirche: Einer, der die Kirche durchaus kritisiert, hat sich unlängst zum Priester weihen lassen.
Dass Kirchenkritik nicht nur möglich, sondern sogar notwendig ist, dazu braucht es keiner Pfarrer-Initiative. Kirchenkritik auf höherem Niveau findet man sogar innerhalb der Amtskirche und innerhalb der Hierarchien. Etwa beim Altbischof Helmut Krätzl („Die Glaubenskrise vieler Menschen kommt von entstellten Gottesbildern, die ihnen übermittelt wurden. Und die Kirche selbst verliert zunehmend ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie wohl einen guten und barmherzigen Gott verkündigt, aber nicht selbst Abbild von ihm ist.“), oder dem ehemaligen Kurienkardinal Walter Kasper, der recht drastisch eine Verkündigung in der Sprache der heutigen Zeit fordert: „Es gibt auch eine Häresie durch engstirnige Verweigerung, Theologe im Hier und Jetzt zu sein und Theologie als lebendige Weitergabe der Tradition zu treiben und somit den jeweiligen kairós zu verschlafen. Wer für alle Zeiten reden will, redet am Ende für keine Zeit.“
Womit Atheisten recht haben ist, dass die religiöse Diskussion heute auf einem unsäglichen Niveau abläuft: „Hier liegt bei uns vieles im Argen. Das religiöse Wissen und damit die Sprach- und Zeugnisfähigkeit der Mehrzahl der Christen ist auf einem Tiefpunkt angelangt.“ (ebenfalls Kardinal Kasper). Und Bischof Krätzl prangert das heutige Pharisäertum unter so manchen Christen an, die glauben, alle Andersgläubigen verteufeln zu müssen: „Nicht die Kenntnis des Gesetzes, nicht der Stolz auf das überlieferte Erbe äußerer Frömmigkeit rechtfertigen vor Gott, sondern die Liebe zum anderen, gerade auch zum Fremden, der hilflos ist. Manchmal sind Ungläubige, Agnostiker in ihrer sozialen Gesinnung der Botschaft Jesu näher, als ‚gute Gläubige‘, die sich ihrer selbstgewählten guten Werke rühmen.“
Die Beispiele und Zitate ließen sich endlos fortsetzen. Worum es geht, ist: bekämpft nicht die Moslems, die Christen, die Kirche, sondern wenn ihr diskutieren wollt, dann sucht die Menschen, die dahinter stehen. Es gibt nicht nur Einfalt, sondern auch Vielfalt, und wer sich die Mühe macht, findet großartige Menschen sogar in der Kirche, sogar unter Moslems, sogar unter Fremden...
In einem Punkt können wir uns alle finden, Moslems, Christen, Religiöse, Atheisten und Agnostiker: in der Menschlichkeit. Das heißt aber auch, die Menschen zu suchen, und nicht gegen Windmühlen zu kämpfen.
Bildnachweis: © Dieter Poschmann / pixelio.de
last time modified: Aug. 15, 2011, 6:16 a.m.
References
- Helmut Krätzl: "... und suchen dein Angesicht. Gottesbilder - Kirchenbilder", Wiener Dom Verlag, 2. Auflg. 2010
- Walter Kardinal Kasper: "Katholische Kirche. Wesen, Wirklichkeit, Sendung", Herder Verlag, 2011
Comments
Stefan Münz
14/07/2011 · report · direct link · reply
sehr präzise, der Artikel! Danke! Denn die Probleme von Konflikten liegen meistens in der Mitte zwischen den Kontrahenten. Und lösbar sind die Konflikte nur, wenn alle beteiligten Kontrahenten das kapieren, richtig sehen und sich gemeinsam an die Beseitigung machen. Stattdessen erleben wir immer noch allenthalten eine unreflektierte Dämonisierung des jeweiligen Meinungsgegners, die um so stärker ist, je weniger direkter Kontakt zum Meinungsgegner besteht. Niemand ist frei davon. Ich bemerke das in meiner eigenen Denke, die ich ansonsten eigentlich für relativ ausgewogen und reflektiert halte, immer wieder. Und meistens bemerke ich es zu spät. Ich muss also noch besser werden beim Reflektieren. Und die meisten anderen wohl auch.
Judith Erlbeck
14/07/2011 · report · direct link · reply
Comment deleted 14/07/2011
Judith Erlbeck
14/07/2011 · report · direct link · reply
Hm... Ich stimme nur teilweise zu. Vieles hat nicht mit Religion zu tun, und wird nur so dargestellt. Ich habe -ich weiß, dass das nicht wirklich eine große wissenschaftliche Arbeit ist- für die Matura zu diesem Thema eine FBA geschrieben, die die Grazer (steiermärkische) Situation beleuchtet. Gründe habe ich keine wirklichen gefunden, warum es da Aversionen gegenüber "anderen" gibt. Es gibt auch keine Korrelation, dass Städter allgemein toleranter sind- der Unterschied ist nur, dass am Land allgemein weniger Angehörige anderer Ethnien leben. Und das ist der Grund, warum Städter an sich weniger Probleme haben- für sie ist es alltäglicher. Je mehr die Chancen da sind, herauszufinden, mit wem ichs da zutun haben, desto weniger bin ich auch skeptisch gegenüber der anderen Person, ergo habe ich weniger Angst. Dass das aber oft nicht freiwillig wegen angeblicher größerer Offenheit passiert, sondern einfach deshalb, weil sich die Migranten, Asylanten entschieden haben, dorthin zu ziehen oder weil es die öffentliche Verwaltung so vorschreibt, sollte klar sein.
Zum Thema Angst: Da, denke ich teilweise, haben wir eine falsche Berichtserstattung. Wenn zum Beispiel gesagt wird, Christen können in gewissen muslimischen Ländern ihre Religion nicht ausüben, wenn berichtet wird, was die Muslimbruderschaft schon wieder getan hat, und seit 9/11 sowieso alle Terroristen sind, dann braucht man nur sich anzusehen, wie es den Muslimen selber in diesen Ländern geht (ich denke da speziell an Ägypten, das Paradebeispiel von "christenfeindlich": bis vor kurzem wurde es so dargestellt, als wären die Ägypter quasi eine Einheit, als wären die Christen von der ganzen Bevölkerung nicht geduldet- dann kam die Revolution und dann war plötzlich alles anders :-) und dann sah man plötzlich, da gab es ein Regime, keine Demokratie, wie in so vielen arabisch/muslimischen Ländern...)
Und dann braucht man nur hinschauen, wo die Regime sind, wie sie wirtschaftlich, demographisch etc dastehen, wo die globalen Hungerkrisen etc sind, und dann weiß man auch, woher immer diese Nachrichten von wütenden Jugendlichen, Fundamentalisten, Frauen schlagende Männer kommen.
Wenn Du, lieber Robert, mehr Menschlichkeit willst, weil du ein Mensch bist, der andre sehr wohl so akzeptieren kannst, wie sie sind, dann versuche, das nicht nur aus dem Blickwinkel der Religion zu sehen (denn die Unterschiede zwischen Christen und Muslime sind bei weitem nicht so groß, dass es nur das wäre- bei Gott nicht ;-)). Solange die Bevölkerung in diesen arabischen, muslimischen Staaten sich nicht selber als menschlich geachtet fühlt, gedemütigt wird, Hunger leidet, wird immer weiter (bei uns) Angst geschürt werden können. Dazu empfehle ich dir ein Buch: "Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren"- Jean Ziegler (Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, Träger des Internationalen Literaturpreises für Menschenrechte)
Vielleicht regt es dich genauso auf wie mich und findest es ja anregend und interessant :-)
Robert Harsieber
10/08/2011 · report · direct link · reply
Danke! Natürlich sind es nicht die Religionen, aber diese müssen offenbar heute als Sündenbock für alles herhalten und werden von Atheisten wie Fundamentalisten (die ja beide mit Religion wenig zu tun haben) gleichermaßen missbraucht.
Aber umso wichtiger wäre es, Religion als die Dimension des Ganzen wiederzuentdecken und das moderne fragmentierende Denken zu "hinterfragen".
Julia Switak BA Media Student
14/07/2011 · report · direct link · reply
Hi Robert, ich finde auch, dass dein Plädoyer für mehr Menschlichkeit genau den Nerv der Zeit trifft! Der Disput hat nämlich wirklich ein klägliches Niveau erreicht.. traurig!
Xarks
14/07/2011 · report · direct link · reply
Finde den regionalen Unterschied besonders interessant und werde davon bei Gelegenheit meinen Schweizer Freunden erzählen.
Es wäre interessant, ob es dazu auch hier in Wien eine Studie gibt, also den Vergleich der Anzahl von "rechts" Wählern in Relation zum Anteil an Immigranten bzw "Andersgläubigen". Hab das grad mal gegoogelt und leider nichts gefunden, vielleicht haben Sie ja eine Quelle?
Robert Harsieber
14/07/2011 · report · direct link · reply
Kenne da leider auch nichts. Ist aber ein komplexes Thema. Prinzipiell sind Städter offener, auch Fremden gegenüber. Es gibt aber speziell in Wien auch sehr viel Kleinkariertheit. Am Land gibt es wahrscheinlich mehr religiös bedingte Ablehnung, Integration kann aber andererseits tiefer gehen als in der Stadt. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der kleinformatigen Medien, eigentlich ein Skandal sonder gleichen.
Das Wichtigste ist wohl das persönliche Engagement von Menschen. Im 15. Bezirk (Pfarre Neufünfhaus - www.erzdioezese-wien.at/conten… ) ist es Dechant Martin Rupprecht, von dem das alles ausgeht. Und der 15. ist tatsächlich ein Migrantenbezirk.
Xarks
14/07/2011 · report · direct link · reply
Ist definitiv ein besonders komplexes Thema. Die Erfahrung mit den Städtern habe ich auch gemacht!
Wobei Wien was Offenheit generell angeht, gegenüber London oder Paris natürlich auch noch etwas rückständig ist - etwas, das sicher auch auf die 'provinzielle' Berichterstattung von Krone, Heute und co zurückzuführen ist!
Vielen Dank für den Link zur Pfarre Neuhaus. Ist in der Tat (leider) ungewöhnlich, dass Kirchenvertreter den Kontakt suchen und wie in diesem Fall, sogar sprachlich Barrieren und Grenzen überschreiten / verringern. Weiter so!
Robert Harsieber
14/07/2011 · report · direct link · reply
Ja, ja, man glaubt gar nicht, was es in der Kirche alles gibt...
Sophie Krainhöfner
14/07/2011 · report · direct link · reply
Hallo Robert,
vielen Dank für den Artikel, genau so ist es! Leider sehen das nicht alle so. Da hilft nur Aufklärung, Bildung und interkultureller Austausch, von dem wir im übrigen auch sehr viel lernen können. Habe ihn gleich mal weitergeleitet (: