Projektion und Selbstreflexion
Ein Thema, mit dem ich mich nun schon seit Jahren beschäftige, ist die zwischenmenschliche Kommunikation in Beziehungen und was diese belasten oder entlasten.
- Creative Writing Blogging
- 11/03/2011
- 1,418
- 8
- 0
- http://ngrap.es/pOB
Auf zwei Phänomene will ich hier näher eingehen: die Projektion, die, mit meinen Worten beschrieben, in der Psychologie das unbewusste Verantwortlichmachen anderer für eigene Defizite und Gefühle aufgrund übergroßer Ängste vor der eigenen Verantwortung beschreibt (ein Abwehrmechanismus), und womit man sie entlarvt: die Selbstreflexion.
Immer wieder begegne ich Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, dass meine Worte sie nicht erreichen, ob gesprochen oder geschrieben. An denen meine Worte nicht nur abprallen, sondern die sie im Gegenteil bewerten oder schlimmer abwerten, verurteilen, ins Gegenteil verkehren oder sie ad absurdum führen. Lange Zeit konnte ich mit solchen Menschen nicht umgehen, versuchte mich immer wieder zu erklären, was aber zu nichts führte und mich am Ende nur meine Kraft und Nerven kostete. Inzwischen habe ich aber den Mechanismus durchschaut, der dahinter steckt.
Interessant und paradox an urteilenden und (ab)wertenden Menschen ist, dass sie exakt das, was sie anderen vorwerfen, selbst tun, häufig im selben Satz oder Atemzug. Das beobachte ich immer wieder. Je heftiger eine Reaktion ausfällt, desto mehr kann davon ausgegangen werden, dass bei der Person genau die Defizite zu finden sind, die sie bei anderen sieht. Das ist die Projektion. Wir sind alle nicht frei davon und projizieren ganz gerne mal unangenehme Gefühle in unserem Inneren auf sich anbietende Mitmenschen. Man kann sie aber entlarven und sich darin üben, dieses ungesunde Verhalten, das Beziehungen extrem belasten und schwere soziale Konflikte nach sich ziehen kann, zu verlernen. Doch Projektionen auf die Schliche zu kommen setzt ein hohes Maß an Selbstreflexion vorraus und erfordert möglicherweise jahrelanges Üben.
Für die Selbstreflexion ist eine andere Sache elementare Vorraussetzung: Offenheit. Und zwar nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch und gerade der Umwelt gegenüber, die nur ein Spiegel der erlebten inneren Gefühlswelt darstellt. Das muss man wissen. Nur dann wird klar, dass an der Umwelt und den Reaktionen der Mitmenschen auf das eigene (oft unbewusste) Verhalten der wahre eigene Seelenzustand ablesbar ist. Kommen einem die Leute heute beispielsweise alle aggressiv und unfreundlich vor, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich selbst aggressiv und unfreundlich bin. Höre ich nun mit offenem Ohr in mich hinein, reflektiere ich mein Verhalten: Stelle ich Unfreundlichkeit bei mir fest, kann ich sofort etwas an der Situation ändern: Ich kann mich dafür entscheiden, freundlich und zuvorkommend zu handeln. Dann kommt die Bestätigung: Die Umwelt spiegelt das neue freundliche Verhalten sofort wider! Ein jeder möge es mal an sich selbst ausprobieren.
Doch einige können gar nicht mehr offen sein für die Umwelt und die Sicht der Mitmenschen. Wer sein Urteil erstmal gefällt hat, der wird sich nur schwer und ungern wieder davon abbringen lassen. Dazu muss man wissen, dass Urteile über andere Menschen in Wirklichkeit Selbstverurteilungen sind. Offenheit wird umso unwahrscheinlicher, je bedrohlicher die unbewussten Empfindungen und Wünsche in sich selbst sind und damit die Selbstverurteilungen und -verleugnungen umso größer. So ein Mensch neigt stark zur Projektion, hat sich möglicherweise eine harte Schale angelegt, um die Abwehrreaktionen der Menschen, auf die die Projektionen zielen, nicht an sich heran kommen zu lassen. So ein Mensch ist an diesem Punkt nicht in der Lage, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen, weil er nicht weiß, dass er überhaupt einen Anteil an seinen immer gleich erlebten Situationen hat. Die immer wiederkehrenden erlebten negativen Ereignisse lassen die Schale immer härter werden, ein Teufelskreis ist entstanden, aus dem ein Entrinnen nur schwer möglich ist.
Es sei denn, dieser Mensch entscheidet, an seiner Situation etwas zu ändern und an sich und seinen Defiziten zu arbeiten. Der Weg zu sich selbst, zu seinen ungelebten Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen ist der einzige Weg, der ihn aus diesem Teufelskreis herausbringt. Der Weg ist lang, steinig und schwer und mit Rückschlägen gespickt. Doch was er damit gewinnt, ist jede Mühe wert: Freiheit, Leben und Selbstverantwortlichkeit.
last time modified: July 15, 2011, 8:10 a.m.

Comments
Nussgipfel
12/03/2011 · report · direct link · reply
Da kann ich nur zustimmen. Als ich deinen Artikel gelesen habe, habe ich mich auch sofort "ertappt" gefühlt :-)
Ich denke aber auch, dass g4b Recht hat. Die Psyche ist sehr kompliziert (ich bin kein Fachmann, aber gut), und zuviel Selbstreflektion kann wirklich erhebliche Schwierigkeiten mit sich bringen. Mit "Schwierigkeiten" meine ich zum Beispiel, dass man so sehr in die Selbstkritik abdriften kann, dass man auch schon wieder überhaupt nicht mehr in der Lage ist, "zu reflektieren"... und da sind wir dann beim o.g. Teufelskreis.
Danke für den tollen Artikel!
Suedelbien
12/03/2011 · report · direct link · reply
Vielen Dank! Ja, du hast Recht, da steckt eine Falle drin. Ich reflektiere, was das Zeug hält und erwarte das nun auch von meinen Mitmenschen. Tun sie es nicht, kann ich schnell mit einem Urteil bei der Hand sein: Der ist ja so unreflektiert! Zack, schon tue ich genau das, was ich anderen vorwerfe. Aber auch hier das gleiche Prinzip: Eine Projektion meinerseits. Wir sind alle nur Menschen und fallen alle mehr oder weniger auf dieselben Mechanismen rein ;-)
Gabor Guzmics
12/03/2011 · report · direct link · reply
Genau :) Wobei, ich weiss nicht, ob das dann noch Projektion ist.
Auch hat man bei der Projektion ja nicht immer unrecht.
Ich denke, man sollte eben meistens einfach den Balken im eigenen Auge zuerst entfernen, bevor man bei anderen den Splitter sucht, nicht wahr? :D
Wenns so einfach wär.
Suedelbien
12/03/2011 · report · direct link · reply
Genau darum geht es ja bei der Selbstreflektion
Gabor Guzmics
12/03/2011 · report · direct link · reply
Projektion ist aber natürlich nur eine Mechanik unter mehreren, die existiert, und Selbstreflexion ist nicht unbedingt jetzt die einzige Lösung, oder nur dafür gedacht, es zu entlarven...
Vor allem ist Reflektivität manchmal auch die Ursache von neuen Problemen :) Zu viel Selbstreflexion kann einen einsperren oder (auf Hochkurs) manchmal zu (neuen) Urteilen führen (besonders über jene Leute wo man eindeutig "die Selbstreflexion vermisst" :D)
Man darf ja nicht vergessen, dass man Emotionen anderer Menschen eventuell unbewusst übernimmt (ein Phänomen, dass man täglich beim Medienkonsum erlebt, da es selbst dort geht). Das Filtern dieser Emotionen ist ebenfalls ein Meilenstein zur Freiheit. Dann kommt noch das Loslassen andere kontrollieren zu wollen, das Verzeihen, verzeihen lernen und verziehen werden lernen, und und und.
Super Artikel. Und ja, meistgelesen ist kein Trick!
Suedelbien
12/03/2011 · report · direct link · reply
Wie bitte? Der meist gelesenste Artikel heute? Glaub ich nicht.
Stefan Münz
12/03/2011 · report · direct link · reply
Hab dir gestern abend einen Tweet spendiert, vielleicht war der schuld. Twittern bringt immer erst mal eine La-Ola-Welle Leser, die dann aber nach den ersten Stunden schnell wieder verebbt. Danach ist dann Normalität angesagt :-)
Suedelbien
12/03/2011 · report · direct link · reply
Habe ich gesehen, danke, das wird es wohl gewesen sein ;-)