RESPEKTIEREN
Eine Reportage über die Veganmania in Wien 2011
- Lifestyle Culinary
- 06/06/2011
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Menschen, die als Sojamilch, Gemüse und Früchte verkleidet sind. Andere mit bunten Perücken und Blumen im Haar. Essensstände mit rein pflanzlichen Köstlichkeiten. Livemusik. Am 27. Und 28. Mai war es in Wien wieder so weit: das Tierrechtsfest Veganmania fand auf der Mariahilferstraße, Ecke Museumsplatz, statt. Erstmals in dessen 14-jähriger Geschichte sogar zwei Tage hintereinander. Trotz Regen am zweiten Tag kamen tausende Aktivisten, teilweise in tierischer Begleitung. Auch unwissende Passanten fanden ihren Weg zum Fest.
Eingetrocknetes Blut, ein gequälter Blick, täuschend echte Härchen und Stacheldraht. Nicht besonders appetitlich ist der Anblick des imitierten Schweinekopfes an einem der Informationsstände. Genau wie viele Fotos, welche die Umstände in der Massentierhaltung dokumentieren, soll auch der Schweinekopf auf den ersten Blick schockieren, berühren und schließlich zum Nachdenken anregen. Ein Plakat der Tierschutzorganisation Vier Pfoten mit der Aufschrift „Fleisch ist Klimakiller Nr.1“ weißt auf den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Klimawandel hin. Das Grunzmobil, in Form eines überdimensional großen Schweines, fordert die Feiernden auf: „Heute vegetarisch essen: Der Gesundheit, den Tieren, der Umwelt zuliebe.“ Das Hauptanliegen der Veganmania-Veranstalter ist es, den Menschen die vegane Lebensweise näher zu bringen und darüber zu informieren. Jeder Info-und Verkaufsstand tut das auf seine eigene Weise. Animal Fair informiert zum Beispiel über tierfreundliche Einkaufsmöglichkeiten und bietet entsprechende Einkaufsführer an. Beim RespekTiere-Stand gibt es Infomaterialien über Tierrechte und Tierschutzkampagnen. Essensstände wie der von Formosa Food, einem veganen Lokal in der Barnabitengasse im 6. Wiener Gemeindebezirk, zeigen wie lecker und vielseitig rein pflanzliche Gerichte und Snacks sein können. Die Auswahl ist riesig und unterscheidet sich nicht unbedingt von der eines Fleischessers. Mittlerweile gibt es für fast alle Speisen eine vegane Alternative. Angeboten werden den Besuchern unter anderem Burger, Hot Dogs, Nudeln, Nuggets, Tintenfischringe, Wraps, Frühlingsrollen oder auch Schnitzelsemmeln. Für diese Leckereien stehen die Leute Schlange. Kaffee und Kuchen runden das Angebot ab. Der Duft von frisch Gekochtem und Gebratenem breitet sich wie eine riesige Wolke über das gesamte Fest aus und macht es beinahe unmöglich, nicht irgendetwas davon probieren zu wollen. Kulinarisch gesehen sollte also jeder auf seine Kosten kommen. Auf überdachten Heurigenbänken machen es sich die Besucher trotz schwankender Temperaturen und teilweisen Regenschauern gemütlich, essen, trinken und plaudern mit Gleichgesinnten. Alles läuft sehr ruhig ab und hat den Charakter eines gemütlichen Beisammenseins von Menschen mit ähnlichen Interessen, Anliegen und Zielen. Beinahe alle Tische sind besetzt. Über den weiteren Ablauf der Veranstaltung informieren die Organisatoren immer wieder über das Mikrofon auf der vegan.at – Bühne. Neben den Aktivisten kommen stätig auch Passanten von der Mariahilferstraße zur Veganmania, schlendern nur vorbei oder informieren sich aus Interesse. Einige der Besucher erklären, warum sie hier sind und wieso sie sich für eine vegane Lebensweise entschieden haben: „Bevor ich Veganerin wurde war ich bereits 3 Jahre Vegetarierin. Durch mehr Information ist mir klar geworden, dass man auch mit Milch- und Eierkonsum den Tod von Tieren unterstützt. Darum wurde ich vegan“, erklärt Silvia H. Außerdem sei Veganismus kein Ding der Unmöglichkeit mehr, sondern einfach umzusetzen: „Ich glaube, dass immer mehr Menschen vegetarisch oder gar vegan leben. Es wird immer leichter, vegane Produkte in Supermärkten oder Reformhäusern zu bekommen. Mehr und mehr Menschen scheinen sich Gedanken über ihre Umwelt und darüber zu machen, wo ihr Essen herkommt“, so Stefanie W.
Tatsächlich gehört Österreich innerhalb der EU zu jenen Ländern, in denen die meisten Vegetarier und Veganer leben. Das heißt, dass immer mehr Menschen nicht nur auf Fleisch und Fisch sondern zur Gänze auf tierische Produkte, wie etwa Honig oder Leder, verzichten. Diesen Trend können auch die Veranstalter der Veganmania beobachten, die Besucherzahlen steigen von Jahr zu Jahr an. Am ersten Tag der Vegamania in Wien schätzen die Veranstalter die Besucheranzahl auf etwa 15.000, am zweiten Tag seien es sogar 20.000 gewesen. Menschen aus ganz Österreich kämen wegen des Networkings mit anderen Aktivisten zum Fest in die Hauptstadt, obwohl die Veganmania auch in anderen Bundesländern stattfindet. Bis jetzt habe man im Zuge der Veganmania nur positive Erfahrungen gemacht: „Es ist einfach ein gemütliches Sommerfest, bei dem Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenkommen und Spaß haben. Auf Grund der guten Lage verschlägt es auch Menschen zu uns, die vielleicht noch nie etwas von Veganismus gehört haben. Außerdem hat das Fest keinen Demonstrations-Charakter, ich glaube, dass es unter anderem deshalb so gut aufgefasst wird.“ erklärt ein vegan.at – Mitarbeiter.
Für die musikalische Untermalung des Festes sind Künstler und Bands eingeladen, die der Tierrechtsszene, sei es durch ihre persönliche Einstellung oder durch ihre Texte, in irgendeiner Weise nahestehen. Samstagnachmittag betritt Chris Ego mit seinem Solo-Projekt Broken Ego die Bühne. Die Mischung aus elektronischer Musik und Rock kann das Publikum nicht wirklich überzeugen, nur wenige Besucher wippen langsam mit ihren Köpfen zu den Gitarren-Riffs im Takt. Doch wird das Interesse einiger weniger Passanten geweckt. Der dunkel gekleidete, düstere Sänger und sein blonder Kollege im Camouflage-Outfit heben sich ein bisschen von der überwiegend bunten Menschenmenge der Veganmania-Besucher ab. Jedoch nur äußerlich, denn Ideale vertreten sie dieselben. Der nächste Act auf der vegan.at – Bühne ist die australische Sängerin und Songwriterin Emaline Delapaix, das rothaarige Kontrastprogramm zu Broken Ego. Mit nichts als ihrer Stimme und einer Akustikgitarre zieht sie sofort alle Menschen in ihren Bann. Emaline‘s sanfte Stimme berührt und bewegt. Der Platz vor der Bühne wird durch immer mehr Zuhörer gefüllt. Bei Liedern wie „Seal Song“, in dem es um die Jagd auf Babyrobben in Kanada geht, merkt man wie sehr ihr und dem Publikum solche Themen nahe gehen. Alle Augen sind in diesen Momenten gespannt auf die Sängerin gerichtet.
Unter den Besuchern gibt es jedoch auch ein paar negative Stimmen. Manche beschweren sich über hohe Preise oder das „pseudo-alternative“ Publikum. Wobei man nicht nur die „klassischen“ Alternativen auf der Veganmania findet, sondern Menschen aus allen Altersgruppen und auch in ihrer äußerlichen Erscheinung sind die Besucher sehr unterschiedlich. Einige wenige unter ihnen mag man vielleicht aus Zeitungs- und Fernsehberichten der letzten Monate erkennen. Martin Balluch (Obmann des Vereins gegen Tierversuche) und Felix Hnat (Obmann der Veganen Gesellschaft Österreich) sind ebenfalls am Feiern. Beide waren Hauptangeklagte im Tierschutzprozess und wurden beschuldigt, eine kriminelle Organisation gegründet zu haben. Vor kurzem wurden sie freigesprochen und sind jetzt sowas wie die „Popstars“ der österreichischen Tierschutzszene. Eine der Besucherinnen ist vor Aufregung kaum zu halten, als sie Martin Balluch gegenübersteht. Schnell wird ein Erinnerungsfoto geschossen. Ein vegan.at-Mitarbeiter meint zu wissen, was der Fall für die gesamte Bewegung bedeutet: „Für die einzelnen Aktivisten war diese Zeit furchtbar, doch der tolle Ausgang mit Freispruch für alle Angeklagten hat der Bewegung einen großen positiven Schub gegeben.“ Was wahrscheinlich auch einen positiven Schub für die noch bevorstehenden Veganmania – Jahre bedeutet.
last time modified: July 14, 2011, 12:35 a.m.

Comments
Stefan Münz
06/06/2011 · report · direct link · reply
Schöner, ausführlicher Bericht, danke! Kannte diese Veranstaltung gar nicht und freue mich, dass es so was gibt, denn ich bin seit einiger Zeit ebenfalls weitgehend vegan.
Marie
06/06/2011 · report · direct link · reply
Das klingt nach einem Fest ganz nach meinem Geschmack!