Matthias Beck: Europa ohne Christentum
„Was wäre Europa ohne Christentum?“, fragt der Arzt, Philosoph, Theologe und seit kurzem auch Priester Matthias Beck, Professor für Theologische Ethik in Wien. Und beantwortet die Frage gleich eingangs seines Vortrags: „Ich weiß es nicht!“ Eigentlich könnte er damit auch gleich enden. Er tut es jedoch nicht.
Die Kirche hat so ihre Schattenseiten, die beschönigt er keineswegs, im Gegenteil. „Wir sind über das Mittelalter noch nicht so viel hinaus.“ Die Bibel ist unklar. Lange Zeit dachte die Kirche, sie müsse sie interpretieren und auslegen. Die Gläubigen hätten dann diese Glaubenssätze auswendig zu lernen. Bis dann das 2. Vatikanische Konzil festschrieb: Der Glaube ist etwas Existenzielles.
Luther hatte es leicht, die Kirche zu kritisieren. Sie war dekadent, die Priester waren schlecht ausgebildet usw. Eine Situation, die der heutigen nicht so unähnlich ist. Priester müssen keine Fortbildung machen, haben keine Zeit für eigene Lektüre, haben mit der Intelektuellen Entwicklung der Welt nicht mitgehalten. „Wir haben das Christentum nahezu bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt!“ Ausnahmen bestätigen die Regel.
Und doch: Wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Und das Licht überwiegt allemal. Das Christentum hat unsere Kultur bis ins kleinste Detail hinein geprägt. Selbst Atheisten leben in diesem Umfeld.
Eigentlich ist die Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft und Theologie unsinnig, weil sie auf völlig verschiedenen Methoden beruhen. Der Naturwissenschaftler kann messen und experimentieren, der Theologe kann nur denken. Der Theologe stellt die Grundfragen des Menschen: Warum ist überhaupt etwas? (Leibniz). Der Naturwissenschaftler fragt, wie sich dann alles in der Welt entwickelt hat. Die Frage, warum überhaupt etwas da ist, kann er gar nicht stellen. So kann er zurückgehen bis zum Urknall, hat aber damit die Grenze der Naturwissenschaft erreicht. Der Theologe sagt an diesem Punkt: „Wo nichts ist, knallt auch nichts.“
Die Naturwissenschaft ändert sich ständig, die Grundfragen des Lebens sind immer dieselben.
Die Frage nach dem Urgrund
Zunächst war der Mensch allein in der Welt und hat versucht, alles Unerklärliche mit Götterbildern zu erklären. Dann kam der entscheidende Punkt in der Geschichte, als Gott selbst den Juden die Fragen beantwortete: Die Frage, ob es ihn gibt, und die Frage, „was für ein Typ“ er ist?
Im Alten Testament: „Ich bin da, Ich bin, der ich bin.“ Und im Neuen Testament, im Johannesevangelium: der Logos – das hat auch mit Logik zu tun. Beck: „Das Christentum ist keine Religion für Dumme, sondern für Intelligente.“ Menschen fragen immer nach dem Grund, und kommen folgerichtig auch zur Frage nach dem letzten Grund, dem Grund für das Ganze. Thomas von Aquin: „Diesen letzten Grund nennen alle Gott.“ Meister Eckehart spricht vom „Seelengrund“. Dieser Grund ist auch in uns, der Hl. Geist in uns, der nur herausgebildet werden muss.
Im Anfang (nicht am Anfang!) war der Logos. Beck: „Wir übersehen immer, dass wir ständig aus diesem Urgrund heraus leben.“ Ihm müssen wir alles zuschreiben, was „von selbst“ geht: Die Entwicklung eines Embryo geht von selbst, da können oder brauchen wir nichts dazu zu tun. Der Herzschlag geht von selbst, usw.
Als Endliche müssen wir uns immer auf andere beziehen. Das oder der Selbstverständliche ist Gott – der sich aus sich selbst versteht. Genau das meint die Dreifaltigkeit: Wir können Gott finden in der Schöpfung (Vater), in der menschlichen Begegnung („Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“) und in uns selbst (innere Stimme des Hl. Geistes). Beck: „Mehr müssen Sie über die Dreifaltigkeit nicht wissen.“
Leben in zwei Welten
Niemand hat Gott gesehen. Dann – als die Zeit reif dafür war – ist Gott Mensch geworden. Christus ist ganz Gott und ganz Mensch – „unvermischt und ungetrennt“. Letzteres ist eine Aussage, die nur in einer ganzheitlichen Sicht gedacht werden kann. Goethe hat es so ausgedrückt: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Das ist unsere „Theodramatik“ (Hans Urs v. Balthasar).
Als Mensch betet Jesus: „Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.“ Als Gott sagt er: „Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.“ Das Erfüllen des göttlichen Willens ist für den Menschen nicht Abhängigkeit, sondern damit kommt sein Leben erst zur Fülle, zur inneren Wahrheit. „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ „Zur Freiheit habe ich euch befreit.“ (Paulus).
Jesus zeigt, wie Leben geht. Jeder Mensch muss sich aus dem Gehorsam gegenüber den Eltern befreien – aber zum Gehorsam gegenüber Gott. Auch Jesus ist abgehauen, und als ihn seine verzweifelten Eltern im Tempel finden, sagt er: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Die Ablösung geht nicht von heute auf morgen, so geht Jesus dann auch wieder brav mit ihnen nach Hause. Aber der entscheidende Schritt ist getan.
Der Christ lebt in zwei Welten. Auch er muss diesen Überstieg schaffen. Das passiert in der Pubertät und als Hilfe gibt es die Firmung als Stärkung auf diesem Weg. Denn jetzt stehen zwei Entscheidungen an: Welchen Beruf ergreife ich? Wie finde ich einen Lebenspartner?
Den Überstieg schaffen
Würden sich die Jugendlichen jetzt mit geistlichen Übungen beschäftigen, mit sich selbst und den inneren Tiefen, dann würde mit 28 gelten: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen. „Wenn nicht, versprechen sie etwas, das sie nicht versprechen dürften und nicht halten können.“
Für Pubertierende ist alles doof. Sie respektieren nichts und rebellieren. Aber das ist, so Matthias Beck, nur Zeichen dafür, dass ihnen das Endliche nicht reicht.
Die Hochzeit zu Kanaan ist der zweite derartige Einschnitt. Die Mutter: „Du musst etwas tun!“ Jesus: „Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Beck weist darauf hin, dass im Alten Testament steht, du sollst Vater und Mutter ehren – nicht lieben. Letzteres birgt die Gefahr der Abhängigkeit. Jesus muss sich von der Mutter lösen und der Stimme Gottes folgen. Er blamiert sie aber nicht und wirkt das bekannte Wunder. Und das ist programmatisch. Jesus ist nicht gegen irdische Freuden, er liefert noch Wein nach, als die Gäste bereits leicht illuminiert sind.
Der Mensch steht in der Spannung zwischen menschlichem und göttlichem Willen. Die Abweichung nennen wir Sünde. Das hat nichts mit Schuld oder dem Übertreten von Gesetzen zu tun (die wir auch brauchen), sondern ist eine Beziehungsstörung. Beck: „Wir fangen gerade erst an zu verstehen, was Christentum sein könnte! Die Kirche muss aufbrechen in ein neues Zeitalter. Das Christentum ist eine Befreiungsreligion.“
Von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung
Jedes Über-Ich (Eltern, Lehrer, Kirche) ist Fremdbestimmung von außen. Ein Teil der Kirchenkrise ist laut Beck darauf zurückzuführen, dass sie äußere Autorität an die Stelle der inneren Autorität, des Geistes, der Unterscheidung der Geister, gestellt hat. Selbstwahrnehmung ist gefragt. „Gefordert sind mündige, nicht abhängige Christen.“ Das habe mit der 68-er Revolution begonnen, mit der Einsicht, dass Fremdbestimmung auf Dauer nicht bestehen kann. „Christentum ist Befreiung aus falschen Abhängigkeiten.“
Freiheit ist allerdings das Gegenteil von Beliebigkeit, vor der die Kirche so viel Angst hat. Augustinus war der erste, der den freien Willen bedacht hat. Später sagt dann Hegel: Der Mensch fragt über die Welt hinaus. Wenn ich die Welt als endlich erkenne, stehe ich schon im absoluten Raum. Der Mensch als Geistwesen fragt nach dem Absoluten.
Dieses ist entweder ein Es oder ein Du. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht. Wäre es eine blinde Schicksalsmacht, so Augustinus, dann ist der Mensch vollkommen gesteuert. Woher kommt dann das Böse? Gibt es nur Schicksalsmächte, dann kann ich nichts dafür, dann kann ich kein Kind loben und keinen Verbrecher bestrafen.
Nun ist aber der Mensch (zum Teil wenigstens – bis auf bestimmte Grenzen der Psyche und der Umwelt) frei. Er hat einen freien Willen. Die Idee der Freiheit kommt eindeutig aus dem Christentum. Gott ist die Liebe, Liebe braucht ein Du. Würde er die Menschen brauchen, wäre Gott nicht frei. Daher die Dreifaltigkeit, Gott ist in sich schon Beziehung und braucht nichts und niemand. Er braucht die Welt nicht, sondern schafft sie, weil er es will. Einfach so. Er führt die Juden aus der Gefangenschaft in Ägypten. „Zur Freiheit habe ich euch befreit“ (Paulus).
Die Kirche sollte von der Größe des Menschen sprechen, so Beck. Nicht von Sexualmoral und Kondomen. „Der Mensch soll zu einem Gott ähnlichen Wesen werden, aber nicht aus Egozentrik, sondern von Gott her.“
Bildung und Kunst
Das europäische Bildungssystem geht zurück auf Benedikt von Nursia. Die europäische Musik begann im gregorianischen Choral, der Grundlage für jegliche Musikgeschichte. Die Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen führte zum mehrstimmigen Choral.
Kunstgeschichte ist ohne Theologie gar nicht möglich. Dante, Goethes Faust, Mozart, mindestens bis ins 19. Jahrhundert hinein.
Der Glaube sucht den Intellekt, stellte Anselm von Canterbury fest. Der Glaube schreit sogar nach dem Intellekt, steigert Matthias Beck. Intellekt kommt aber von „intus legere“, drinnen lesen, das Meta der Physik. Wie auch Interesse „dazwischen sein“ bedeutet. Zwischen den Zeilen lesen können. Leider wurden die Menschen lange Zeit vom Bibellesen ferngehalten.
Die Universitäten – das Universum aus verschiedenen Richtungen betrachten – sind aus dem Christentum heraus entstanden. Lange vor der Neuzeit und Sigmund Freud hat Ignatius von Loyola von der „Seelenlehre“ gesprochen. Heute sind die Physiker die religiösesten, so Beck, weil sie erkannt haben, wie kompliziert die Welt ist.
Die Strukturen brechen auseinander
Thomas von Aquin dachte – Christentum und griechische Philosophie verbindend – die Leib-Seele-Einheit. Das fällt in der Neuzeit auseinander. Vorweggenommen wird die Ungewissheit und der Versuch der Selbstvergewisserung schon von Augustinus: Selbst wenn alles Täuschung wäre, bin ich es, der getäuscht wird und dessen ich mir sicher bin.
Als die Strukturen auseinanderbrechen, versucht René Descartes wieder einen archimedischen Punkt zu retten: cogito ergo sum. Wenn ich an allem zweifeln kann, dann nicht daran, dass ich es bin, der zweifelt oder denkt. Er unterscheidet zwischen res extensa und res cogitans, Materie und Geist. Damit fallen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft auseinander, die einen messen mit ihren Instrumenten, die anderen haben nur das Denken.
Das Programm der Aufklärung fasst Kant zusammen: Befreie dich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Die meisten der großen Philosophen dieser Zeit kommen aus dem protestantischen Bereich. Für Kierkegaard wird die Existenz wichtig. Heute ist es die Vereinzelung, die zum Problem, aber auch zur Chance wird. Jeder hat seine einmalige Berufung, nicht nur als Mitglied der Gemeinde. Der Einzelne ist der Tempel Gottes.
Viel zu sagen
Viele meinen, die Kirche habe nichts mehr zu sagen. Das Christentum hätte mehr zu sagen als je zuvor, meint dagegen Matthias Beck. Die Psychologie ist als Tiefenpsychologie noch gar nicht so recht angekommen, das Christentum geht weit darüber hinaus. Die psychische Reifung können wir am Beispiel Jeus verfolgen.
Das Christentum ist, wie gesagt, eine Befreiungsreligion. Alle sind vor Gott gleich („Nicht Mann und Frau, nicht Herr und Sklave, …). Auch wenn der Staat diese Gleichheit in der Demokratie weiter entwickelt hat als die Kirche.
Die Würde des Menschen ist im Christentum angelegt. Das hat zu den Menschenrechten geführt, auch wenn diese – wie manche sagen – nicht mit, sondern gegen die Kirche etabliert wurden. Die Wurzel ist christlich.
Die Kirche hätte sehr viel zu den modernen Themen wie Embryonenforschung, Euthanasie usw. zu sagen. Prof. Beck sitzt auch in der Ethikkommission in Österreich und in Brüssel.
Das Christentum hätte viel zu sagen über die wirtschaftliche Situation. Zwar sollen die Talente vermehrt werden, das ist schon richtig, aber beliebiges Wachstum nennt man in der Medizin Krebs und in der Wirtschaft führt es zum Kollaps. Die Egozentrik müsste verlassen und es müsste auf die Schwachen und Armen geschaut werden.
Katholisch heißt „weltumspannend, universal“. Das war früher die Bezeichnung der Kirche ganz allgemein. Erst in der Reformation ist die römisch-katholische Kirche zu einer Konfession neben anderen geworden. Heute ist das Römisch-Katholische nur ein kleiner Teil des Katholischen, korrigiert Beck. Das wirklich Katholische müsste man wieder herausstreichen.
Dann käme man auch zu einer neuen Sicht von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Es geht natürlich um die eine Welt (ungetrennt), aber die Methoden sind sehr verschieden (unvermischt) und dürfen nicht durcheinander gebracht werden. Gott zu beweisen, Gott verifizieren zu wollen, ist sinnlos.
Beck: „Ein religiöser Naturwissenschaftler wird dieselben Methoden verwenden wie ein atheistischer, aber er wird andere Fragen stellen.“ Er wird z.B. beim Begriff „Information“ an Thomas von Aquin denken: Anima forma corporis. Die Seele formt die Materie.
Warum lässt Gott das zu?
Viele kapitulieren intellektuell an der Grausamkeit der Welt. Die Frage ist aber nicht, warum Gott das zulässt, sondern warum wir unsere Freiheit so falsch nutzen? Wäre der Mensch nicht frei, wäre er eine Marionette. So aber kann er weglaufen – und er tut es auch ausgiebig.
Theologisch gibt es ein malum physicum, das wir nicht restlos erklären können, wie etwa Naturkatastrophen, und ein malum morale, das der Mensch selbst zu verantworten hat.
Europa ohne Christentum?
Schattenseiten, ja, die hat es gegeben und gibt es. Das Christentum hat aber unsere Kultur bis ins kleinste Detail hinein geprägt. Dem können auch Atheisten nicht entfliehen, sind doch auch sie in diesem Umfeld aufgewachsen. Alles was wir an Errungenschaften aufzählen können, geht auf das Christentum zurück, von dem Europa sozusagen „durchtränkt“ ist.
Und heute?
Luther hatte in einer dekadenten Zeit auch der Kirche leichtes Spiel. Leider ist die Gegenwart ähnlich. Es gibt großartige Priester, das soll nicht verschwiegen werden, aber es gibt auch jede Menge schlecht ausgebildete Priester, „die keine Autorität haben, keine Frau, die sie liebt, und keine Kinder, die sie kritisieren“. Die für alle anderen Berufe selbstverständliche Fortbildung gibt es nicht.
Statt von der Größe des Menschen wird zu viel über die Sünde geredet. Und da wiederum nur von den leiblichen Sünden, von denen schon Thomas von Aquin gesagt hat, dass sie die harmloseren sind, die geistigen liegen viel tiefer. Und Arroganz ist eine der größten Sünden.
Die Kirche hat mit der intellektuellen Entwicklung der Welt nicht mitgehalten. Den Dominikanern war noch aufgetragen, drei Stunden täglich zu lesen.
Betont werden sollte, dass das Christentum keine Sonntagsreligion ist, sondern eine Alltagsreligion. Das Leben üben (das meinte Askese ursprünglich) wäre der Weg. Die Frage der Apostel „Wie sollen wir beten? ist auch heute noch die Frage. Was denken Jugendliche? wäre eine wichtige Frage. „Wir sollten zu den Leuten gehen, notfalls über das Fernsehen, wenn sie nicht mehr in die Kirche kommen.“
Die Motivation hat sich heute gewandelt. Die Jugendlichen kommen nicht mehr, weil die Eltern gekommen sind (wie in Zeiten der Volksreligion), sondern aus Eigenem. Beck hatte in der Erstkommunionvorbereitung mit atheistischen Eltern zu tun und fragte sie, warum sie dann die Kinder zu ihm schicken. Die Antwort: „Weil die Kinder es wollen!“ Offenbar hatten sie (ausnahmsweise) einen guten Religionslehrer. Kinder fragen. Kinder interessieren sich. Daran sieht man, was möglich wäre.
Was derzeit ansteht, ist ein Paradigmenwechsel. Es wäre heute die Stunde der Theologie, so Beck, Theologie hätte so viel zu sagen – „wenn wir eine offene Theologie hätten“.
Quelle: Vortrag: „Was wäre Europa ohne Christentum?“, DDr. Matthias Beck, Prof. für Theologische Ethik, Wien.
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