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Sturm der Studenten

An deutschen Hochschulen wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Doppelt so viele Abiturienten wie sonst strömen herbei, um eine akademischen Ausbildung zu bekommen. Nicht alle kriegen die.

Überfüllte Hörsäle, am Boden sitzende Studenten, elendslange Wartelisten bei Seminaren. Chaotische Stundenpläne und besetzte Räume.Nein, das ist keine Beschreibung des Normalzustands an österreichischen Unis. Es ist Semesterstart an Deutschlands Hochschulen.

Tausende und Abertausende frischgeschlüpfte Abiturienten stürmen die Unis und FHs. Jeder der einen Notenschnitt von Einsirgendwas hat, will sein Lieblingsstudium belegen. Doch dieses Jahr ist es besonders schwer. Durch die Reform des deutschen Bildungssystems und durch die Abschaffung der leidigen Wehrpflicht gibt es heuer zwei Abiturientenjahrgänge und somit doppelt so viele Möchtegernstudierenden. Diese blockieren nun die Hochschulen, in der Hoffnung auf einen Ausbildungsplatz und damit auf ein besseres Leben. Nur wenige schaffen das.

Ausnahmezustand

Abiturienten mit einem übderdurchschnittlich guten Notenschnitt bekommen ein "S" (für Streber) in ihr Zeugnis gestempelt. Wer den Stempel hat, darf den Sektor des Abiturs verlassen und die streng bewachten Übergänge zur akademischen Bildung passieren. In der Hoffnung auf einen Studienplatz besetzen Massen von Schulabgehern die  Hochschulen. So auch die FH Hannover. Unter der Blockade haben vor allem höhersemestrige Studenten zu leiden. Snackautomaten werden vollständig geleert, um den kleinsten Müsliriegel wird gestritten. Der Nachschub durch die Linien der Schulflüchtlinge ist äußerst schwierig. Selbst Güter des täglichen Bedarfs wie Zigaretten sind heiß begehrte Mangelware. "Die Kaffeautomaten sind leer. Unsere Situation hier wird jeden Tag schlimmer", beschreibt Arne, Designstudent im dritten Semester, die dramatische Situation. Mittlerweile wird die FH Hannover aus der Luft versorgt. Überschwänglich werden die liebevoll "Kafeebomber genannten Flugzeuge von Studierenden und Professoren begrüßt.

Ähnliche Szenen spielen sich in ganz Deutschland ab. Vor allem die Fachhochschulen mit ihren Hörsälen, die kaum diesen Namen verdienen, leiden unter den Flüchtlingsströmen. Es wird versucht, neue Plätze für gute Schulabsolventen schaffen. Bei der Aufnahme an den FHs zählt der Abitur-Notenschnitt.  Lästige Formalitäten wie persönliche Bewerbungsgespräche gibt es nur bei einigen wenigen Studiengängen. "Wo kommen wir dahin, wenn jeder Student in einem Aufnahmegespräch seine Eignung für das Studium unter Beweis stellen kann?", fragt eine FH- Direktorin, die ihren Namen nicht genannt haben will, dem Satyr. Doch egal wie gut Schulabsolventen sind, mit Sekt und Feuerwerk werden sie an den Unis nicht empfangen. Zu dramatisch ist die Situation.

Studienplatz - Um jeden Preis

Das Abitur - nicht zu vergleichen mit der anspruchsvolleren Matura in anderen Ländern - ist  in Deutschland der Maßstab für Menschen, die ein Studium beginnen wollen. In jedem Studiengang ist es unterschiedlich, doch ist man etwa ab einem Notenschnitt von über 2,0 gut im Rennen. Damit hat auch ein Uniprofessor, der seinen Namen ebenfalls nicht hier lesen will, Erfahrung: " Die jungen Leute kommen hier rein, mit einem Schnitt von 1,5, 1,2 oder noch besser. Die müssen wir nehmen" ,erzählt sie. "Wir hatten sogar einmal einen Bewerber mit einem Abiturschnitt von 0,9. Den konnten wir dann aber relativ bald als Schwindler entlarven." Solche Betrugsfälle häufen sich in Deutschland. Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen auch Bestechungsgelder im vierstelligen Bereich geboten werden. Weiters wurde dem Satyr mitgeteilt, dass Schlepper Abiturienten zu horrenden Preisen über die Grenze ins Land der akademischen Grade schmuggeln. Unter Lebensgefahr, gilt doch der strenge Numerus-Clausus-Befehl.

Ähnliche dramatische Szenen spielen sich in ganz Deutschland ab, wie der Satyr ausfindig machen konnte. Auf der Suche nach einem "Hobby für die spätere Arbeitslosigkeit", wie es Student Ulrich pessimistisch ausdrückt, reisen junge Menschen kreuz und quer durch Deutschland. Sie klopfen in Scharen an die Tore der Universitäten und bitten um Einlass.  Wenn junge Leute trotz aller Widerstände endlich einen Studienplatz ergattert haben, ist die Situation lange nicht entschärft. Auch an einer freien Hochschule, wie der FH Hannover, ist das Leben alles andere als leicht. Blutjunge, enthusiastische und naive Abiturienten besetzen Bibliotheken, vertilgen die Mensa-Vorräte und stören mit ihren Fragen so manchen Schlaf in der monotonen Vorlesung. "Die Erstsemester sind prinzipiell unerträglich", macht sich Grafik-Studentin Kathrin ihrer Wut Luft. "Zum Glück ist das bald vorbei, weil nach einem Semester kapieren sie, dass das Studium nix für sie ist." Dann kehrt für kurze Zeit Ruhe ein . Bis zum nächsten Jahr. Dann sollen -laut Prognosen- weitere Wellen von verzweifelten Abiturienten an die Unis drängen.

 

Ein (zugegeben) fiktiver Bericht von

Muckraker

stay tuned

last time modified: Oct. 20, 2011, 12:01 p.m.

Comments

Mzungu_Mdogo

Mzungu_Mdogo

20/10/2011 · report · direct link · reply

2+ [2]

Hereinbrechende Erstsemesterwellen und kilometerlange Warerschlangen in schlecht gelüfteten Mensaräumen. Dramatische Szene an deutschen Hochschulen. Da hat der Autor ganz genau hingeschaut und das Dilemma präzise auf den Punkt gebracht. Im Angesicht solch einer Bildungskatastrophe können sich unsere lieben Nachbarn jenseits der Alpen nur verwundert die Augen reiben.

Ein Leidensgenosse