Wo die Erde wieder flach ist
Im böhmischen Prater in Favoriten wird auch heuer wieder mit einem Fest der Zeit des Mittelalters gefrönt. Ein skurriles Ereignis für die einen, der Lebensinhalt für die anderen. Eine Reportage am Rande der Gesellschaft.
- Culture Art
- 06/06/2011
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Bei sommerlich heißen 29 Grad brennt die Sonne um 13 Uhr mittags nieder auf das Gelände des böhmischen Praters in Wien Favoriten. An den Seiten des Laaer Walds zieren grün blühende Blätter die Bäume der Alle, die durch die Freizeitanlage führt. Dass Wochenende ist, erkennt man daran, dass nicht nur Großeltern mit ihren Enkelkindern den idyllischen Weg entlang spazieren. Ganze Familien mit Kindern, Gruppen pensionierter Favoritner, teilweise sogar Jugendliche und einige wenige Begeisterte sind gekommen um am Tivoli das Mittelalterfest zu feiern, zu dem der Kulturverein böhmischer Prater bereits zum siebten mal einlädt.
"Faszination Mittelalter"
Der Standbetreiber Georg H. ist seit vielen Jahren auf allen Mittelalterfesten Österreichs anzutreffen. Zu früher Stunde riecht er bereits stark nach Alkohol und spricht von der „Faszination Mittelalter“, die ihn, als er selbst noch Besucher bei den Festen war, in seinen magischen Bann gezogen hat. Den Mythos, dass das Mittelalter eine Zeit des geistigen Rückschritts war, hält er für unwahr. „Heute glauben doch mindestens genau so viele Menschen, dass die Erde flach ist wie damals“, ist er sich sicher. Das ganze Jahr über sind die Standler unterwegs um Wochenende für Wochenende mittelalterliche Waren aller Art zu handeln. Dass es dabei auch einmal winterliche Minusgrade haben kann versteht sich von selbst. Doch Georg H., ein gebürtiger Favoritner, weiß wie man sich warm halten kann und zeigt grinsend auf eines seiner Produkte. Eine Konstruktion aus Eisenketten, die als Halterung für Bierdosen gedacht ist. Obwohl der Andrang sich um die späte Mittagszeit noch sehr in Grenzen hält, rät er so schnell als möglich die verschiedenen Verkaufsstände aufzusuchen. „Später werdns eich daschlogn, sovü wird los sein“ warnt er in unverkennbar einheimischen Akzent.
„Haare brennen schnell“
Für den 21 jährigen Maschinenbau- Studenten Stefan Ungerböck ist die Beschäftigung mit dem Mittelalter ein Hobby wie jedes andere. Wo andere zum Fußball greifen, legt er sich lieber eine Rüstung an und schluckt ein bisschen Feuer. Das Interesse für Pyrotechnik ist aber auch schon das einzige, was er mit dem Fußballfan gemein haben will. Er ärgert sich, dass Hooligans das Faible für Feuer in schlechtes Licht rücken. Trotzdem würde der Freizeitfeuerschlucker bei keinen Pyro-shows mitwirken. Zu groß ist die Gefahr, wenn ein Feuerkünstler zum Beispiel plötzlich einen Schnupfen bekäme und das Petroleum nicht mehr kontrolliert durch seine Lippen pressen würde. Dass dabei jemand zu Schaden kommen kann, hat er schon gesehen. „Haare brennen schnell“ sagt er und grinst hämisch. Deswegen schluckt und spuckt er Feuer lieber nur für sich selbst.
Erotisierende Zaubertränke
Untereinander kennt man sich. Die Standbetreiber sind ein miteinander befreundetes und stark verbandeltes Nomadenvolk, was aber nicht heißt dass alle Mittelalterfans vom gleichen Schlag sein müssen. Während die einen sich eher für den magischen Teil interessieren, die Hexen und die Zauberei, haben es anderen eher die ritterlichen Rüstungen und Kämpfe des gemeinhin als barbarisch bekannten Zeitalters angetan. So zum Beispiel auch der tschechischen Showkampfgruppe Poustevnik, die in der nachmittäglichen Hitze gekonnt simuliert, wie der eine Ritter dem anderen mit seiner Schwertklinge den Kopf vom Körper trennt. Dazu wird auf der Tribüne des Tivoligeländes von Müttern mit ihren Kindern begeistert Beifall geklatscht, während die Väter hinter, vor und neben den Kämpfern auflauern, um mit ihren Digitalkameras die besten Schnappschüsse festzuhalten. Für vermeintlich Zauberhaftes wiederum sorgt die Gruppe Fahima Hexen, deren schwermütigen Bewegungen zu mittelalterlicher Musik eher Trauriges als Beschwörendes anhaftet. Das richtige Werkzeug um hexenhafte Gedanken auch in ebensolche Taten umsetzen zu können, findet man am Mittelaltermarkt, der neben den verschiedenen Darbietungen das eigentliche Herz des Mittelalterfestes darstellt. So lassen sich zum Beispiel bei Hexentruhe Maggie oder bei Trautmanns Hexenwerk Mixgetränke für Angelegenheiten jedes Absurditätsgrades erwerben. Erstere hat zum Beispiel den Zaubertrank „Venuswave“ im Repertoire, der für „spontane Zwischenstopps auf Liebesplaneten“ sorgen soll.
Das Mittelalterfest im böhmischen Prater ist verglichen mit anderen ein kleines. Wer damit rechnet ständig von Spielern und Gauklern unterhalten, von kreativ verkleideten Hexen verzaubert und von um sich kämpfenden Rittern bedroht zu werden, der wird enttäuscht. „Das ist kein Vergleich zum Beispiel mit Eggenburg, wo die ganze Stadt involviert ist“ schwärmt Stefan Ungerböck vom dort angesiedelten Fest, dass für ihn das Beste in ganz Österreich darstellt. Überhaupt wird einem das Gefühl des Mittelalters hier im 150 Jahre alten Miniprater nie wirklich vermittelt sondern in seinen besten Momenten höchstens angedeutet. Im Kontext und im Umfeld des Areals des böhmischen Praters und seines Publikums wirkt das Mittelalterfest meist wie eine Persiflage seiner selbst.
Das Wahnsinnspublikum
Die vielen Heurigenbänke vor der Showbühne sind am Nachmittag nur spärlich besetzt. Vereinzelt nehmen die Menschen in der unmittelbaren Hitze der Sonne Platz. Dennoch versucht das Trio „Tivoli Landsknecht“ die wenigen Besucher mit der Interpretation von Jahrhunderte alten Liedern zu unterhalten. Von der geringen Menschenschar im Publikum, bei der manch einer schon um diese Uhrzeit nicht ganz nüchtern ist, lassen sich immerhin einige zum Klatschen bewegen, was mit einem ironischen „Danke, ihr seits a Wahnsinn“ von den Musikern anerkannt wird. Zu späterer Stunde gibt sich die Formation „Cuncti Simus“ mit epochengetreuen Instrumenten wie Fiedel, Drehleiter, Flöte und Harfe Mühe, um den Zuhörern mittelalterliches Flair zu vermitteln. Einer der Musiker, Roland Bentz, ist größeres Publikum gewöhnt, denn neben seiner Tätigkeit bei „Cuncti Siums“ tourte er unter anderem schon mit Georg Danzer und dem Schlagerstar Harald Juhnke durch die deutschsprachige Bühnenwelt. Für ihn liegt die Schuld der geringen Besucheranzahl am Nachmittag ganz klar am Wetter. „Wer will schon raus und sich bewegen, bei so einem Wetter?“ fragt er eine langärmlige Tunika tragend.
Der Aussteiger
Mit Fortdauer des Tages nimmt tatsächlich auch das Treiben auf dem Mittelaltermarkt zu und immer mehr Gegenstände gehen über den Ladentisch. Bei den Kindern sind vor allem die Nachbildungen mittelalterlicher Waffen beliebt, vor allem Pfeile und Bögen, Äxte und Schwerter, über deren Handhabung sie ja schon einiges gelehrt bekommen haben. Einer, der die Faszination Mittelalter nicht ganz mit seinen Kollegen teilen kann ist der Leinenstoffverkäufer Jörg. Was ihn an den Märkten gefällt ist der Geist, der sie umgibt. „Auch unter Mittelalterfans lässt es sich zeitweise ganz gut aus der Gesellschaft aussteigen“ erklärt der Wochenendflüchtling. Unter der Woche ist der gebürtige Deutsche, der in Stuttgart aufgewachsen ist, Biobauer im Waldviertel. Die Arbeit auf den Äckern hat er aber immer mehr satt und deshalb freut er sich schon jeden Wochentag auf den Mittelaltermarkt. „Hier hab ich meine Ruhe und kann meinem Hobby nachgehen“ erklärt er sich, während er Freundschaftsbänder für den späteren Verkauf knüpft.
Um neun Uhr abends kommt es zum dramaturgischen Höhepunkt am böhmischen Prater. Die schwüle Hitze des Tages ist bereits einer angenehmen kühlen Brise in einer warmen Sommernacht gewichen. Die Besucherzahl hat ihr Tagesmaximum erreicht und die Menge wartet zahlreich auf die Feuershow der Gruppe „Abinferis“. Während das mittlerweile betrunkene Publikum sich mit den Tricks des Feuerschluckens und -Spuckens beeindruckt zeigt, geben sich Georg H. und Stefan Ungerböck von der Show unberührt und sind sich einig, dass sie es mindestens genau so gut hinbekommen hätten. Den Beweis bleiben sie einem aber schuldig, sowie das Mittelalterfest selbst den Beweis schuldig bleibt ein wirkliches Fest zu sein. Wer mit einer gehörigen Portion Ironie, Humor und Mitleid ausgestattet ist, kann dort trotzdem seinen Spaß haben und wer nicht, der kann immer noch bei Hexentruhe Maggie einen „Yaona – der keltische Lichtbringer“ Zaubertrank zu sich nehmen, der Gelassenheit, Zuversicht und Frohsinn verspricht. Drei Dinge, die man beim Mittelaltefest am böhmischen Prater nicht unbedingt lernt, aber auch nicht zwangsweise verliert.
last time modified: July 14, 2011, 12:45 a.m.





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